Die Welt der Weine - genussreich und leidenschaftlich für Sie aufbereitet


Liebe Leser,

in dieser Rubrik nehme ich Sie mit auf die Reise zu legendären Weinmachern weltweit. Ich habe das große Glück, meiner Leidenschaft und meinem Wissensdurst folgen zu dürfen. Im direkten Dialog mit berühmten Weinpersönlichkeiten, kreuz und quer durch die gigantisch große Weinwelt, ergeben sich spannende Einblicke hinter die Kulissen der Weinproduktion. Neugierig geworden? Einfach weiterlesen und eintauchen!

Ihre Weinbegleiterin

Claudia Heymann

 


  • Opus One - einzigartiges Weinwerk
  • Cool Climate Spezial: Argentinien und das Uco Valley
  • KAIKEN - eine chilenisch-argentinische Win-Win-Situation
  • Die höchstgelegenen Weinberge der Erde - eine Reise auf 3.111 müNN
  • Ein chilenischer Engel in Frankfurt
  • Das Urmeer im Steillagenwein
  • Einzigartiges Elim
  • Cederberge - Wein in extrem schroffer Kulisse


Opus One - einzigartiges Weinwerk

Es ist der 6. Oktober 2017 fünf Uhr morgens im kalifornischen Napa Valley, klirrend kalt und Vollmond, als Michael Silacci, der Chef-Weinmacher von Opus One mich nach kurzer Nacht vom wenige Stunden zuvor bezogenen Hotel in Napa Town abholt.

Keine 15 Minuten später biegt der Jeep wenige Kilometer nördlich des Gourmet-Mekkas Yountville in die majestätische Auffahrt zum Tempel des Weines, der Opus One Winery, ein. Es ist einer dieser wenigen Momente im Leben, in denen ich der Realität nicht zu trauen wage.

Keine 10 Jahre ist es her, im Oktober 2008, als ich als eine der vielen Wein-Touristinnen im Napa Valley mit wahnsinnig viel Vorlaufzeit eine schon damals teure Guided Tour bei Opus One, dem ehemaligen Joint Venture vom legendären Robert Mondavi und dem noblen Baron de Rothschild aus Bordeaux buchte. Ich erinnere mich genau, wie ich mir nach der Weinguts-Führung ein Glas des Kultweins für damals schon 50 USD pro Glas auf der Aussichtsterrasse gönnte, während es links und rechts Heiratsanträge zwischen verliebten Pärchen purzelte. Einen einzigen Rotwein aus den klassischen Bordeauxrebsorten pro Erntejahr produziert dieses Kultweingut (vom jahrgangs-übergreifenden, in kleinen Mengen produzierten kleinen Bruder Ouverture abgesehen) und hat dafür Weltruhm erlangt. Heute, am 5. Oktober 2017 darf ich erneut vor Ort sein. Das Schicksal brachte mir an einem sommerlich sonnigen Februartag am anderen Ende der Welt, im südafrikanischen Vorzeigeweingut Hamilton Russel zufällig den Mann an den Barbecue-Tisch, der die Weinherstellung von Opus One seit 2001 verantwortet und eine Einladung zur Harvest Experience aussprach. Und da ich voraussichtlich nur einmal lebe, habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt.

Wir treffen in der Schwärze der Nacht sogleich auf Natalie Juré, ganz frisch beförderte Director of Viticulture und damit bei Opus One zuständig für die Weinberge. Es ist frisch heute morgen, gerade mal 10 Grad Celsius zeigt das Thermometer an, und ich nehme dankend das Angebot einer zusätzlichen Jacke sowie Mütze an. In einigen Hundert Meter Entfernung sehe ich gleißendes Licht und als wir näher kommen, wird ein großer Spezialtraktor sichtbar, der sich mit dramatisch erhöhtem Fahrgestell langsam seinen Weg durch bzw. über die Rebzeilen bahnt.

Bobard heißt die seltsam anmutende Maschine, welche von einem französischen Spezialhersteller speziell für Arbeiten in Rebreihen entwickelt wurde, als man sich von Pferden in der Weinbergs-Bewirtschaftung nach und nach trennte. Sechs Stück an der Zahl wurden für Opus One nach Kalifornien exportiert und verrichten fleißig ihre Arbeit. Für die nächtliche Ernte wurde eigens eine Flutlichtanlage auf den Bobards montiert, sowie auf einem der Bobards - praktisch und innovativ - eine kleine, stählerne Plattform, von der aus ich das Erntetreiben in den nächsten 90 Minuten von der Vogelperspektive aus beobachten kann. Sogar eine kleine Espressomaschine findet Ihren festen Platz auf der Plattform - hier waren Perfektionisten am Werk. Mitten in der Nacht, um 3 Uhr beginnt die harte Arbeit, bei knackigen Außentemperaturen und naturgekühlten Trauben, die sich von der Hitze des Vortages erholen konnten. Ein Teil der Erntehelfer, zu 100% mexikanischer Nationalität, reist dafür täglich aus dem 2,5 Fahrtstunden entfernten Stockton an, in welchem Sie während Ihrer ganzjährig verteilten Weinbergarbeiten untergebracht sind. Nach den obligatorischen, nächtlichen Dehn- und Aufwärmübungen, angeleitet durch einen Phyiotherapeuten, mit Schutzkleidung, Stirnleuchte, Handschuhen und hakenförmigen Messern bewaffnet, legen die drei Ernteteams à acht bis 10 Arbeiter in ausgewählten Blöcken los. Ein Arbeiter entfernt das Blattwerk rund um die zu erntenden Trauben, ein zweiter Arbeiter erntet kniend/rutschend die auf Kniehöhe hängenden Trauben in Kisten und weiterer Arbeiter stapelt die vollgeernteten Kisten auf einem Laufband, welches im unteren Teil des Bobards verläuft. So sparen sich die Arbeiter das sonst übliche Tragen der 14-16 KG schweren Kisten bis zum teils weit entfernten Ende der langen Rebzeilen. Trotz der langsamen Fahrt des Bobards wird von Reifen und Schuhen Staub vom völlig ausgetrockneten Boden zwischen den Rebzeilen aufgewirbelt, was die nahezu vollständige Vermummung der Gesichter der Erntehelfer erklärt. Um das wertvolle Gut nicht vor der Ankunft im Weingut zu verletzen, wird in kleinen, stapelbaren Kisten geerntet, das Traubengut nicht über den Kistenrand hinaus abgelegt, um zu großen Druck auf die unteren Lagen oder zerquetschtes Material zu vermeiden. Bezahlt wird die Teamleistung des gesamten Ernteteams in festgelegten USD-Beträgen pro geernteter Tonne. Denn sobald die Traktoren das Weingut erreichen, gehts direkt auf die Waage. Rasend schnell arbeiten sich die Männer vorwärts und dennoch herrscht spürbar gelöste Stimmung. Viele der Männer arbeiten seit Beginn für das Weingut, werden seit fast zwei Dekaden immer wieder unter Vertrag genommen.


Beginnend Anfang bis Mitte September, dauert die gesamte Weinernte bei Opus One 4-6 Wochen. Gepflückt wird je nach Wetterlage und Traubenreife an 5- 7 Tagen pro Woche. Von den drei Harvest-Teams arbeitet ein Team fest angestellt ganzjährig im Weingut, während die zweite und dritte Crew ja nach Arbeitsanfall engagiert wird. Dabei ist die Ernte nur der krönende und spannende Abschluss aller Tätigkeiten im Weinjahr. Bereits während der Winterruhe der Rebe Ende Januar  kommt es nach zwei bis drei monatiger Familienheimfahrt ins südliche Mexiko zum Wiedersehen, wenn die 440.000 Weinstöcke von Opus One ca. 6 Wochen lang ihren Rebschnitt erhalten, gefolgt von zwei bis drei weiteren mehrwöchigen Arbeitsaktionen (Grünschnitt, Laubwandmanagement, Auslese etc.) im Weinberg zwischen April und August, die ebenfalls den Einsatz der mexikanischen Arbeiter erfordern. 
Planung ist alles, das wird mir klar, als mir Natalie und Michael den täglichen Datenzettel zeigen, auf dem nicht nur die erwartete Erntemenge pro Block/Parzelle - abgeleitet aus den täglichen Beerenvolumenmessungen und Vergangenheitswerten - genau erfasst ist, sondern ebenso eine aktuelle Verletztenliste, von Michael kreativ als Playstation getauft. Insbesondere die tägliche Erntemenge will genauestens berechnet und über die passende Wahl der zu erntenden Blocks gesteuert werden, denn im Tagesverlauf gilt es, das eingesetzte Ernteteam voll auszulasten und einen oder mehrere der insgesamt 29 Gärtanks mit exakt 20 Tonnen Traubenmaterial aus jeweils einem Block zu füllen, nicht mehr und auch nicht weniger.

Die Sonne geht auf, rasend schnell wird der Himmel zuerst Orange und schließlich hellblau. Michael liebt das Wortspiel und kündigt den Aufbruch in das "Yountville Office" an. Noch unter dem Schlafdefizit leidend brauche ich zwei Tage um zu verstehen, dass damit die Lieblings-Frühstück-Location des Teams gemeint ist. Nach einem herzhaften Frühstück um 7 Uhr in der berühmten Bouchon Bakery in Yountville (so berühmt, dass ich drei Tage später an einem Sonntag fast 60 Minuten für meine Bestellung anstehe), geht es zurück, wieder in den Weinberg, diesmal mit Viticulturist Steve. Über 30 Grad werden uns nach dieser für das Napa Valley typischen, kühlen Nacht tagsüber erwarten. Zwei bis drei Hitzewellen mit über 40 Grad Celsius rollten in den vergangenen Wochen über das Land und machen eine zeitweise Bewässerung der Reben unverzichtbar. Gleich zwei Bewässerungsschläuche führen in ca. 80 cm Höhe waagerecht über das Drahtrahmengestell und ermöglichen eine unterschiedliche Bewässerungsfrequenz- sowie -menge für junge versus alte Reben. Brauchen erstere Wasser noch auf wöchentlicher Basis und in größerer Menge (nicht ausreichend tiefes Wurzelwerk, erhöhter Wasserbedarf für den Aufbau von Biomasse), so werden die alten Reben mit ihrem 3-4 Meter tief in den Boden reichenden Wurzelwerk nur 2 -3 Mal jährlich bewässert. Je nach Wasserspeicherfähigkeit des Bodens kann die Rebe dann zwei bis drei Wochen vom künstlich aufgefüllten Wasserreservoir im Boden leben.

Wasser in Kalifornien ist rar und teuer, sodass eine Bewässerung nur erfolgt, wenn die Traubenqualität ansonsten leiden würde. Regen fällt in diesem Teil Kaliforniens nur von November bis Mai - eine Regenwolke in den Monaten Juni bis Oktober ist ein äußerst rares Objekt am ansonsten blauen, sonnenverwöhnten Himmel Kaliforniens. Ob bewässert werden muss, entscheidet das Team der Weinbergverantwortlichen anhand von optischen und analytischen Signalen. So sind sich frühzeitig verfärbende oder hängende Blätter sowie eine geringere Biegsamkeit der Fruchtruten sichtbare äußere Signale für nahenden Wasserstress. Zusätzlich geben Regenmessungen, Daten über die Wasserspeicherkapazität der speziellen Böden pro Block sowie der historische Wasserbedarf einer Rebe wie auch der im Labor unter Kompression messbare Wassergehalt der Rebblätter eindeutigen Aufschluss für oder gegen das Aufdrehen des Hahnes. Letzteres erfolgt wie auch die Bewässerungsentscheidung von Menschenhand und nicht computerbasiert. Von in den Boden eingelassenen Sensoren und automatischer Bewässerungssteuerung hält das Team nicht viel - zu groß sei die Gefahr des Versagens der Systeme und der drohende Verlust ganzer Ernten bei falschen Messwerten. Ich möchte wissen, warum die Schläuche angesichts der Verdunstung nicht direkt im/auf dem Boden angelegt wurden und erfahre, dass neben der besseren Sichtbarkeit von Lecks sämtlicher Bodenbewuchs, der mit der Rebe um das rare Wasser konkurrieren könnte, regelmäßig maschinell entfernt wird und es so zu ungewollten Verletzungen an den Schläuchen kommen würde. So verdunstet zwar eine gewisse Menge an Wasser während der teils 16 bis 20 stündigen Tröpfchenbewässerung, dies scheint jedoch in Relation das kleinere Übel. Probleme macht einzig der im Weinberg heimische Kojote, der es im Oktober 2015 schaffte, in nur einer einzigen Nacht 2.000 USD an Schaden anzurichten, weil er in seiner Durstlaune in die Bewässerungsschläuche biss, um an das nasse Gold zu kommen. Mittlerweile wird den Kojoten freiwillig schüsselweise Wasser in die Anlagen gestellt, um die Schläuche vor ihren teuren Bissen zu schützen.

Wir wandern in den niedrigsten Teil der Anlage in Flussnähe, in dem vereinzelte Windmaschinen/Propeller zu sehen sind. So heiß es auch im Sommer sein mag, so ist Frost in den Wintermonaten ein nicht zu unterschätzendes Risiko im Napa Valley, welchem mit dem Aufwirbeln der Kaltluftnester am Boden erfolgreich entgegengewirkt werden kann.

Nach einem interessanten Exkurs in den Rebschnitt diskutieren wir anhand mehrerer Rebstöcke den optimalen Rebschnitt für die kommende Saison. Welcher diesjährige Spross stellt die geeignete Fruchtrute für die Saison 2018? Welches der vier Augen am ausgewählten Spross wird vermutlich die Fruchtrute 2019 stellen und wie kann die Fruchtrute über am Stamm gebildete Augen bei passender Gelegenheit wieder näher an den Stamm geführt werden, ein Anliegen für den Rebschnitt 2020 und 2021?  Die richtige Durchführung des Rebschnitts ist so zentral für die Traubenqualität auch Jahre nach der Schnittführung, dass selbst die langjährig engagierte Arbeiter bei bevorstehendem Schnitt mit dem Viticulture Team durch die Weinberge gehen, um Auffälligkeiten und Beispiele zu diskutieren. Letztlich schafft ein Arbeiter 80 Rebschnitte pro Stunde, eine beachtliche Zahl vor dem Eindruck der Erkenntnis, dass ein Rebschnitt im Januar 2018 indirekt bereits die potentielle Fruchtrute von 2020 vor Augen haben sollte.

Es wird immer heißer in der kalifornischen Sonne - Zeit für einen Szenewechsel. Als nächstes treffe ich in der Produktionshalle auf Quinn, der die ersten Schritte der Traubenverarbeitung verantwortet. Ein ständiges Dröhnen erfüllt die große Halle und die Action ist im vollen Gange. Aus meinem ersten Besuch im Jahr 2008 hatte sich in mein Gedächtnis geprägt, dass Opus One das für den Wein verwendete Traubenmaterial rigoros sortiert. Damals nahm ich aus dem Augenwinkel ein Team von mindestens 10, oftmals weiblichen, mexikanischen Mitarbeiterinnen war, die das auf dem Sortierband vorbeieilende Traubenmaterial sortierten. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten von Blättern über Insekten bis hin zu rosinierten Trauben ins Kröpfchen - Spezialbegriff MOT = Matter other than grapes. Die zunehmende Technologisierung und Automatisierung hat in den letzten Jahren vor Opus One keinen Halt gemacht. Die schon damals perfekt durchdachte Winery hat immer und immer wieder groß investiert. Nachdem ein Mitarbeiter die Kiste mit den geernteten Trauben auskippt, fallen sie sogleich auf ein lauthals hämmerndes Rüttelpult, durch dessen feine Spalten kleinere Materialien wie unzählige Ohrenkneifer, verkümmerte Beeren oder kleine Äste/Blattteile nach unten fallen. Gleichzeitig sind mindestens sechs fleißige Menschenhände damit beschäftigt, größere, grüne Blätter, die bei der flinken Ernte mit in den Kisten gelandet bzw. noch mit den Traubenstilen verbunden sind, zu entfernen. Ich halte 20 Minuten lang Stellung am Rüttelpult und fische nach grünen Blättern was das Zeug hält. Auch Trauben mit einem zu hohen Anteil rosinierter Beeren wandern in die Sortiertonne. Wärmender Stolz macht sich breit - selbst Hand anlegen dürfen bei der Produktion des kalifornischen Kultweines. Die 20 Minuten begleiten mich noch eine ganze Weile. Nachdem beim darauffolgenden Mittagessen mit dem Produktionsteam nach und nach ca. 8 Ohrenkneifer aus sämtlichen Öffnungen meiner Kleidung krabbeln, fische ich den ganzen Nachmittag über weiteres, mich ständig juckendes Krabbelgetier aus den gemütlichen Räumen zwischen Haut und Kleidung.

Im nächsten Schritt pustet ein riesiges Gebläse weitere lose und leichte Teilchen, vor allem vertrocknete Blattbestandteile in ein Auffangnetz hinter dem Sortiertisch. Weiter geht die Reise der Trauben über ein aufwärtes gerichtetes Fließband hinauf in den Entrapper, der die Beeren von ihren Stilen befreit. Ich darf mit einer Taschenlampe bewaffnet halb in die Destemming-Maschine krabbeln, um mit eigenen Augen nachzuvollziehen, mit welchem Prinzip des Entstilen erfolgt. Vereinfacht beschrieben fallen die Trauben in insgesamt zwei 1,5 Meter lange, rotierende, sich rüttelnde Zylinder aus Plastik. Die beiden Zylinder sind mit kleinen Löchern versehen. Das Rütteln und Rotieren bewirkt, dass die reifen Trauben sich von ihren Stilen lösen. Und während die Beeren durch die Löcher im schräg montierten Zylinder nach außen fallen und per Fließband weiter transportiert werden, verbleiben die nackte Stile sowie die Trauben mit rosinierten Beeren, die in ihre dehydrierten Zustand förmlich an ihren Stilen kleben bleiben, im Inneren des Zylinders und landen an dessen unterer Öffnung in weiteren Auffangbehältern. Von dort aus werden sie direkt in den nebenstehenden Schredder geführt mit der Perspektive, als Düngemittel wieder ihren Einsatz im Weinberg zu finden.

Eine letzte Prüfung müssen die von ihren Stilen geschüttelten Beeren noch bestehen, bevor sie in einem der Gärtanks Teil eines der berühmtesten Weine der Welt werden dürfen. Eine ausgeklügelte, computergesteuerte Maschine namens Optical Sorter nimmt das nun weiße Fließband mit den Beeren auf, schießt tausende von Fotos pro Sekunde und bläst mit Hilfe Hunderter Düsen das zuvor vom Computer als nicht gewünscht markierte Beerenmaterial nach unten weg, und zwar genau in der Millisekunde, in der die Trauben sich im freien Flug zwischen Fließband und Auffangrinne befinden. Warum weiß der Optical Sorter, welche Beeren er per "Luftschuss" eliminieren muss? Weil sich ein intelligentes, ständig lernendes Computerprogramm im Optical Sorter befindet, welches pro Rebsorte gewisse Vorgaben bezüglich der Beerengröße und der Beerenfarbe sowie Farbdichte prüft. So werden für eine bestimmte Rebsorte zu kleine Beeren (meistens rosinierte oder verkümmerte Beeren) genauso entfernt wie farblich nicht passende Beeren (zum Beispiel unreife oder von Fäulnis befallende Beeren) sowie alles weitere Material wie insbesondere Blattwerk, das im Gärtank unerwünscht ist. Wir machen uns einen Spaß und schmeißen ein grünes Blatt auf das rasende Fließband vor dem Optical Sorter, um genau dieses Blatt keine drei Sekunden später in den Auffangbehälter neben der Maschine fliegen zu sehen. Prüfung bestanden! Die Maschine tut zuverlässig  ihren Job, kostet aber dafür auch eine Viertelmillion Dollar in der Anschaffung. Und dann ist es soweit - die sogenante Stairway to Heaven, ein erneut aufwärts gerichtetes Fließband transportiert die Beeren, die die verschiedenen Hürden der Sortierprozedur erfolgreich überwunden haben, Richtung Gärtank. Vom geernteten Gewicht müssen sich auf diese Art und Weise ca. 2-3 % an Material von dem Traum, Teil eines großartigen Weines zu werden, wieder verabschieden. Es sind noch vereinzelte Fragmente von braunen, vertrockneten Blättern dabei, die mit in die Gärung gehen. Theoretisch könnte der Optical Sorter so scharf gestellt werden, dass er auch diese wenigen Blattfragmente aus dem Beerengut entfernt. Allerdings würde diese hohe, strenge Empfindlichkeitsstufe dazu führen, dass auch ein großer Teil eigentlich geeigneter Beeren weggeblasen würde. Da braune, vertrocknete Blätter im Vergleich zu frischen, grünen Blättern keine wahrnehmbare Adstringenz oder Bitterstoffe in den Most abgeben, so erklärt mir Quinn, sind hier Abstriche von der absoluten Perfektion nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern auch geschmacklich unerheblich.

Es ist erst 12 Uhr und schon soviel gelernt. Ich umarme die Ankündigung der nahenden Mittagspause und freue mich des Lebens, als ich im Kreis der 13 Produktionshauptfiguren extrem leckeren Burger vom Gott`s Roadside Grill zu 2012er und 2014er Opus One Wein genießen darf. Ein wenig dekadent fühlt sich das schon an, mittags einen 300 USD-Wein zu Burger zu trinken - aber irgendwie auch wieder passend nach 11 Stunden Flug und 7 Stunden ununterbrochenem Eintauchen in die Produktion dieses besonderen Weines.Spannende Fortsetzung folgt... ... mit den winzig kleinen Hauptfiguren Dog, Coyote, The Wolf, Squirrel und Co... dem verblüffenden M&M-Experiment... einem großartigen Korkprojekt undeiner entsetzlichen Naturkatastrophe, die nicht nur die gesamte Weinproduktion Nord-Kalifoniens lahm legt, sondern fast 50 Menschenleben kostet und ganz am Rande meine rasante Evakuierung aus dem Napa Valley verursacht.









Cool Climate Spezial: Argentinien und das Uco Valley

Unter den Weinanbaugebieten unseres Planeten ist es ein Youngster: Noch keine 30 Jahre ist es her, dass die ersten Reben für die kommerzielle Weinerzeugung in die trockenen Böden des Ucotals eingesetzt wurden.

Die Suche nach dem passenden Terroir für elegante, lagerungsfähig(er)e Weine führte die ersten Visionäre um das Jahr 1990 in das 140 km südlich von Mendoza gelegene Tal, das zum größten Teil aus einer unerschlossenen, halbwüstenähnlichen Strauchlandschaft bestand.



Ausschlaggebend für die angestrebte (und erzielte) Andersartigkeit der Weine ist jedoch nicht so sehr die südliche Lage von Mendoza, sondern die durchgängig höhere Lage über dem Meeresspiegel. Wo die höchsten Weinberge Mendozas (650-1.060 m ü NN) aufhören, beginnen die unteren Anpflanzungen im Ucotal (900 bis 1.360 m ü NN). Unter dem schnittigen Slogan „Wines with altitude“ werden weltweit immer erfolgreicher Weine vermarktet, die unter leicht kühleren Bedingungen reifen als ihre Artgenossen im tiefer gelegenen Mendoza. 

Lang ist er her, der Sachunterricht der Sekundarstufe 1. Deshalb ein kleiner Auffrischungskurs für wissbegierige Leser: die Lufttemperatur, welche die Traubenreifung inklusive ihrer Aromatik maßgeblich beeinflusst, ist vom Luftdruck sowie der Abstrahlwärme der Erdoberfläche abhängig. Mit jedem Höhenmeter nehmen Luftdruck und Wärmestrahlung der Erdoberfläche ab und folglich sinkt auch die durchschnittliche Lufttemperatur. Als Faustregel gilt eine Temperaturabnahme von 0,6 Grad Celsius auf ca. 100 Höhenmeter. Eben dieses Phänomen wirkt sich auch auf die durchschnittliche Temperatur des Uco Valley aus, welche sich mit 14 Grad Celsius ein ganzes Grad unter dem Jahresdurchschnitt Mendozas (15 Grad) befindet.  Dies klingt zwar auf den ersten Blick nicht dramatisch, ist jedoch aus Sicht der temperatursensiblen Reben sehr wohl signifikant. Gerade an heißen Sommertagen macht es einen großen Unterschied, ob die Aromen in der Traube sich weiter entwickeln oder bei 40 Grad Spitzentemperaturen schlichtweg „gebacken“ werden. Gleichzeitig schwanken die Temperaturen im Tages-Nacht-Wechsel örtlich noch extremer. Temperaturdifferenzen von 20 Grad sind keine Seltenheit und ermöglichen den tagsüber von der Sonne erwärmten Pflanzen eine nächtliche Ruhe- und Schwitzpause, die den Zuckeraufbau verlangsamt und die im späteren Wein unverzichtbare Säurefrische bewahrt.

Hinzu kommt die exponiertere Lage des Valle de Uco. Während sich Mendoza, umrahmt von den Anden in einer Art windberuhigten Kessellage befindet, wehen im Ucotal tagsüber ganztägig frische Brisen. Dass dies keine leere Theorie ist, darf ich mit Tagtemperaturen von hochsommerlichen 35 Grad Celsius Ende Dezember, durchgängigen, frischen Luftbewegungen und einer kühlen Nachttemperatur von 12 bis 15 Grad Celsius selbst spüren. So richtig ins Schwitzen komme ich im Ucotal nicht, ganz im Gegensatz zum tags darauf besuchten Mendoza.

Was das Valle de Uco mit Mendoza vereint, sind die niedrigen Niederschläge pro Jahr. Nur 200 mm regnet es im gesamten Jahresverkauf, schwerpunktmäßig in Form von sommerlichen Gewittern sowie geringem Herbstniederschlag im April. 200 mm Regen in einem warmen, von Verdunstung beeinflussten Gebiet, das ist für die Rebpflanze nicht genug, um überhaupt wachsen zu können. Gerade in der Vegetationszeit im Frühjahr wird Wasser für den Pflanzenwuchs benötigt. Für den Qualitätsweinbau werden 500 mm Niederschlag, in warmen Zonen eher mindestens 750mm als unteres Limit kalkuliert. Erschwerend hinzu kommt die geringe Wasserspeicherfähigkeit der Böden. In der halbwüstenähnlichen Flora fällt nicht genügend organisches Material für üppige Humusschichten an und der Anteil wasserspeichernden Lehms oder Tons ist, wenn überhaupt, nur geringfügig. Die Böden bestehen größtenteils aus stark verwittertem Geröll und Gestein. Ohne künstliche Wasserzufuhr würde die Rebe streiken: die Traubenreifung einstellen, die Blätter abwerfen und schlimmstenfalls eingehen. Wo also das für die Bewässerung notwendige Wasser hernehmen in dieser trockenen Weinbauzone? Die Antwort auf diese zentrale Frage beantwortet ein Blick Richtung Westen. Zum Glück gibt es die gigantischen, Jahrmillionen alten Erdauffaltungen – den mächtigen Gebirgszug der Anden, der Lateinamerika von Nord nach Süd durchzieht und eine für die Regenwolken des Pazifiks unüberwindbare Wetterscheide zwischen Andenost- und Westseite bildet.

Bis in die 7.000er türmen sich die mächtigen Gesteinskolosse und bieten selbst im Sommer den Blick auf schneebedeckte Gipfel. Unweit Mendozas liegen gleich drei der höchsten Gipfel Südamerikas (unter ihnen der berühmte Aconcagua mit 6.962 Metern Höhe). Eine enorme Menge an Eis und Schnee schmilzt jährlich in Frühjahr und Sommer ab und speist unzählige Gebirgsbäche, die sich ihren Weg in den Westen (Chile) und Osten (Argentinien) bahnen und in größere Flüsse und nach ihnen benannte Täler münden. Die Gletscher-flüsse transportieren kristallklares, kaltes, mineralienreiches Schmelzwasser direkt in die dankbaren Weinanbaugebiete am Fuße der Anden.

 

Die ersten 300 Jahre Weinbau in Mendoza (die ersten Reben wurden im 16. Jahrhundert von den spanischen Missionaren zur Messweinerzeugung im Argentinien angebaut) wurde das kostbare Nass über ein schon von den Inka angelegtes ausgeklügeltes Kanalsystem gigantischen Ausmaßes in die Weingärten transportiert. Die zwischen die Reben gezogenen Erdfurchen wurden regelmäßig geflutet und die Reben gewöhnten sich in der Ausgestaltung ihres Wurzelwerkes an die seltenere, aber dafür intensive Bewässerung. Es lässt sich nur erahnen, welche enormen Wassermengen bei dieser sogenannten Flut-oder Furchenirrigation sogleich verdunsteten oder im völlig ausgetrockneten Boden versickerten, ohne der Rebe tatsächlich zur Verfügung zu stehen.

 

Im Valle de Uco war die Weinbautechnik zum Zeitpunkt der großflächigen Bepflanzung schon so weit fortgeschritten, dass von Beginn an die effizientere und wassersparende Tröpfchen-Bewässerung implementiert wurde.   Die Anlagen zur Tropf-Irrigation sind übrigens eine teure Anfangsinvestition. So gilt es, Schlauchsysteme durch alle Rebreihen zu verlegen, oberirdisch zu befestigen und an das Wasserversorgungssystem anzuschließen. Jede Rebe wird bevorzugt in den Nacht-und Vormittagsstunden über an den Rebzeilen entlang geführte Schläuche mit kleinen Löchern tröpfchenweise bewässert. Moderne Systeme bewässern gar nach Bedarf (teils vollautomatisch über Wassersensoren im Boden) oder automatisch zu vorweg eingestellten Zeiten. Da die heißen, oft wolkenlosen Sommer selbst größere Flüsse austrocknen können, wird das Wasser teils zusätzlich aus 160 bis 170 Metern Tiefe aus dem Boden gepumpt. Es handelt sich jedoch dabei ebenfalls um Schmelzwasser, welches sich durch mehrere Gesteins – und Geröllschichten in tiefere Bodenschichten eingearbeitet hat und dort abfließt.

 

Die Winzer im Mendoza der 60er und 70er Jahre dürften für solche teuren Investitionen ohnehin nicht genügend Kapital im krisengeschüttelten Argentinien besessen haben. Quantität stand lange Zeit vor Qualität. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von beachtlichen 70-80 Litern jährlich wurde zwar viel Wein getrunken, es waren jedoch Weine einfachster Qualität und Machart. Hohe Erträge, rustikale Gerbstoffstruktur, einfache Aromatik und mittlere Farbintensität. Erst Ende der 80er/Anfang der 90ger nahm Argentinien Kurs auf Qualität statt Quantität. Unterstützt  durch die Beratungstätigkeit weltweit anerkannter Önologen und angetrieben durch steigende Ansprüche heimischer Konsumenten kam den modernen Weinbautechniken inklusive der erforderlichen Ertragsreduktion Bedeutung zu. Für die Exportfähigkeit des argentinischen Weins war dies eine Grundvoraussetzung. Das steigende nationale und beginnende internationale Interesse spülte Geld in die leeren, argentinischen Winzerkassen, welches sodann für kapitalintensive Investitionen wie den Landkauf im Valle de Uco, Bewässerungsanlagen, temperaturkontrollierende Edelstahltanks, Barriquefässer und moderne Press-und Filteranlagen genutzt werden konnte.

Was den Befall durch Schädlinge betrifft, befinden sich die Winzer des Ucotals in relativ komfortabler Situation. Aufgrund des trockenen Klimas haben feuchtigkeitsliebende Pilze, die beispielsweise den Winzern in regenreicheren Gebieten wie dem Bordeaux aber auch an unserer heimischen Mosel das Leben schwer machen, kaum Chancen. Auch in Bezug auf Viren oder Bakterien wird den Reben im Uco Valley eine hervorragende Gesundheit attestiert. Selbst die Reblaus hat nicht Fuß fassen können. Das rebvernichtende Insekt wurde zwar schon in kleinen Mengen auf argentinischen Böden gesichtet, schafft es jedoch u.a. aufgrund des hohen Sandgehaltes der Böden nicht, sich auszubreiten und den befallenen Reben nachhaltig Wurzelschaden zuzufügen. Die argentinischen Reben liegen entsprechend vielerorts im Original vor (es handelt sich teilweise sogar um direkte Zöglinge der noch vor der Reblausplage in Europa eingeführten Pflanzen), d.h. auf das Aufpfropfen auf amerikanische, reblausresistente Unterlagensreben wurde lange Zeit verzichtet. Neuanpflanzungen werden heutzutage eher mit amerikanischen Unterlagsreben eingesetzt, was jedoch eher ertragsreduzierende Gründe hat. Originalwurzelstöcke sind und bleiben noch lange Zeit eine weinbauliche Besonderheit des Weinlandes Argentinien.

Es wäre zu schön, um wahr zu sein, gäbe es keine Bedrohung im argentinischen Weinbaujahr. So ist es leider nicht. Die Gefahr kommt von ganz weit oben, ist durch die gängigen Pflanzenschutzmittel wie Kupfer und Schwefel nicht abwendbar und richtet ihren Schaden in Sekundenschnelle an: An heißen Sommertagen türmen sich vor den Anden unheilverheißende Gewitterwolken auf, die ihre schwere Last manchmal in Form von tennisballgroßen Eiskugeln auf die Erde schmettern. Insbesondere in den tiefer gelegenen Lagen des Uco Valley sowie in ganz Mendoza nehmen die Hagelkörner an Größe zu. Im schlimmsten Fall werden innerhalb weniger Minuten nicht nur 100% der Ernte des befallenen Gebietes vernichtet, sondern auch 30 bis 70% der Ernte im Folgejahr, sollten auch die Fruchtanlagen der Folgejahre  durch den Hagel verletzt werden. Die Gefahr eines Hagelsturms dauert die gesamte Vegetationszeit von Austrieb bis Ernte an.

Die Antwort der Winzer auf dieses unkontrollierbare Naturphänomen sind straff gespannte, robuste Schutznetze, welche die Einschlagkraft der himmlischen Geschosse aus Eis abdämpfen sollen. Tatsächlich erfahre ich, dass es sich bei dem für die Netze verwendeten Material um Kevlar handelt, genau den Wunderstoff, der Polizisten und Soldaten weltweit als Hauptbestandteil ihrer kugelsicheren Weste schützt. Die Kosten für diese Schutzmaßnahme sind entsprechend immens. Ansonsten hilft die klassische Risikostreuung: Rebflächen an verschiedenen Stellen der Region bewirtschaften, damit die in der Regel lokal begrenzt auftretenden Hagelschauer nicht die gesamte Ernte erwischen.


Geerntet wird – und das ist ein gesamt-argentinisches Phänomen – per Hand. Es würde um einiges schneller gehen, teure Erntemaschinen durch die nahezu flachen, geraden Rebreihen zu fahren. Jedoch schätzt man wie auch im benachbarten Chile die menschliche Arbeitskraft. Sind es in Nordamerika die Mexikaner, so greifen die Argentinier auf fleißige Erntehelfer aus Bolivien, Paraguay, seltener Peru und zunehmend dem einkommensschwächeren Norden Argentiniens zurück. Bei Extremtemperaturen von bis zu 46 Grad an manchen Erntetagen dürfte die Pflückerei alles andere als erholsam und wohl er eine eher nachts praktizierte Angelegenheit sein.

Zu den Pionieren in der kurzen Weinbaugeschichte des Uco Valley gehört die berühmte, heute riesengroße Bodega Salentein, gegründet durch eine niederländische Unternehmerfamilie, die im Jahr 1988 den ersten Weinberg anlegte und heute stolze 2.000 Hektar Rebfläche bewirtschaftet. Benannt nach dem Familiengehöft im holländischen Gelderland startete der Unternehmer Mijndert Pon in Form eines landwirtschaftlichen Mischbetriebs, schuf sich jedoch schnell einen Ruf für exzellente Weine. Mit einer Produktion von jährlich sechs Millionen Litern Wein hat sich die Bodega Salentein zum Giganten entwickelt. Die höhenmäßig niedrigsten Anpflanzungen beginnen bei 1.050 m ü NN in der Lage Finca Oasis. Hier ist es warm genug, um spätreifende Sorten wie Malbec und Cabernet Sauvignon anzubauen. Über die mittelhohe Lage Finca La Pampa, in der Merlot und Pinot Noir angebaut werden, geht es bis auf 1700 Höhenmeter in die Lage Finca San Pablo, in der schließlich Chardonnay, Sauvignon Blanc, Torrontes und Viognier in kühler und sonniger Gebirgsluft bestens gedeihen. Da sich der Anstieg gen Fuß des Andengebirges sanft aber stetig über mehrere Kilometer erstreckt, ist er für das Auge und den Automotor kaum wahrnehmbar. Erst beim morgendlichen Joggen durch die Weinberge wurde der fast unsichtbare Anstieg mit hoher Pulsfrequenz und Atemlosigkeit deutlich wahrnehmbar.

Die Bodega Salentein produziert junge, einfach zu trinkende und fruchtbetonte Weine sowie ihre Schaumweine in der Portillo Winery, die über einen eigenen Wine Maker verfügt und in der bei Gärung und Ausbau ausschließlich Edelstahltanks eingesetzt werden.

Die lagerungsfähigen, komplexen, in Holz ausgebauten Weine werden allesamt in der kathedralen-ähnlichen, fast komplett unterirdisch angelegten, hochmodernen Salentein Winery gekeltert und mit dem Bodega Salentein-Etikett auf der Flasche vermarktet.  Der Weg durch die Reben zwischen dem Besucherzentrum und der Salentein Winery ist von Rosenbüschen gesäumt. Nicht nur für das Auge, sondern auch die Reben ein angenehmer Zierpflanzenbewuchs. Als Frühwarnsystem für eventuellen Schädlingsbefall sollen die Rosen aufgrund ihrer interessanten Farbe und ihrem Aroma Schädlinge noch vor den Weinreben anlocken.


Unter den Salentein-Weinen haben sich vier  Hauptlinien herauskristallisiert: die Reserve-Weine, die Numina-Linie (ca. 25 EUR), die Single-Vineyard-Weine sowie die reinsortige Primus-Reihe (ca. 45 EUR), alles gekrönt vom Ikonenwein des Hauses, dem Salentein Grand Vu (einer Cuvee aus 70% Merlot, und 30%Cabernet Sauvignon, die zwei Jahre in neuen französischen Fässern und zwei Jahre in der Flasche zwecks Ausbalancierung von Frucht und Holz ausgebaut bzw. gelagert wird (ca. 90 EUR). Für die Numina-Reihe wurden eigens 70 Hektoliter umfassende, spezielle Gärtanks aus Holz in Frankreich angefertigt, in denen 50% des Mostes durch gezielte Mikrooxidation während der Gärung komplexeren Charakter erhalten.  Ein derartiger hölzerner Spezialgärbehälter schlägt in der Anschaffung immerhin mit 20.000 EUR zu Buche, hält ca. 8-10 Jahre und muss von Innen per Hand ausgebürstet werden. 




Weitere Impressionen aus dem Valle de Uco




Kaiken - eine chilenisch-argentinische Win-Win-Situation


Nach 4 Tagen im höher gelegenen Valle de Uco ist es an der Zeit, Mendozas Kernzone unter die Lupe zu nehmen. Unter den über 1.000 Weingütern, die sich im Großraum Mendoza um die Aufmerksamkeit in- und ausländischer Kunden bemühen, habe ich mir ein ganz Bestimmtes ausgesucht. So wie die wilden Caiquin-Gänse die Anden von Chile nach Argentinien überqueren, suchte und fand auch eine bekannte chilenische Winzerlegende ihre Wirkstätte in Mendoza. 


Aurelio Montes, genau der Mann, der das chilenische Top-Weingut Vina Montes als Gründungspartner und verantwortlicher Wine Maker großzog, begeisterte sich Anfang des 3. Jahrtausends so sehr für Kultur und Terroir des nur 181 km Luftlinie von Santiago de Chile entfernten Mendozas, das er den festen Entschluss fasste, seine spezielle Kunst der Weinbereitung auf das Nachbarland Argentinien anzuwenden. Genauer gesagt zog es ihn in das älteste Anbaugebiet der Großregion Mendoza, das auf 1.050 müNN gelegene Vistalba im Department Luyán de Cuyo, in dem die ersten Anpflanzungen Mendozas überhaupt vorgenommen wurden. Nachdem Aurelio Montes die ersten Rebflächen erworben hatte, mietete er sich für die Weinbereitung zuerst bei anderen Weingütern ein, erhielt jedoch im Jahr 2007 den Zuschlag für den Kauf einer im Jahr 1920 von italienischen Einwandern errichteten Bodega. Nach einer herzlichen Begrüßung nimmt mich die für den Export verantwortliche, dynamische Anita Correas gleich mit in die historischen Rebanlagen und deutet auf die 80 Jahre alten Cabernet Sauvignon-Reben, die in der bis in die 50er Jahren dominierenden Pergola-Erziehung angelegt wurden. Ebenfalls bekomme ich die 120 Jahre alten Malbec-Reben zu Gesicht, aus denen der Top-Wein des Hauses namens MAI (in der Sprache der Ureinwohner „ der Erste“) produziert wird.

Während in den neu angelegten Weinbergen Argentiniens durchgängig die moderne Tröpfchenbewässerung praktiziert wird, stehe ich hier vor alten Rebanlagen, die wie vor 100 Jahren üblich per Überflutung bewässert werden. Noch immer legt die Regierung die dafür notwendigen Bewässerungskontingente pro Weingut in Abhängigkeit von dessen Größe fest. Ein speziell berufener Kontrolleur, der sogenannte Tomero (vom spanischen „tomer“ = trinken) zeichnet sich verantwortlich für das Öffnen und Schließen der Schleusen (tome de agua) in den wasserzuführenden Bewässerungsgräben, die mit den Flüssen verbunden sind. Er überwacht, dass das Weingut die ihm zugeteilten Bewässerungsstunden von beispielsweise 28 Stunden pro Monat einhält. Eine Umstellung auf die moderne tröpfchenweise Bewässerung würde den alten Reben übrigens nicht gut tun. Über ein Jahrhundert lang hat sich die Rebe an die Flutungsbewässerung gewöhnt und ihr Wurzelwerk mit ca. einem Meter Tiefe relativ nahe an der Oberfläche ausgerichtet. Die stoßweise Aufnahme großer Wassermengen in größeren zeitlichen Abständen hat die Pflanze eingeübt. Das Wasser für die Bewässerung wird heute übrigens in Potrerillos, einem gigantischen Staudamm in den Anden oberhalb Mendozas aus den Gebirgsfüssen gesammelt, weshalb die Flussbetten talabwärts in der Regel ausgetrocknet sind. 


  • Bewässerungskanäle
    Bewässerungskanäle
  • Tomeroarbeit
    Tomeroarbeit
  • Boden Vistalba
    Boden Vistalba
  • 80 Jahre Cabernet
    80 Jahre Cabernet



Vorteilhaft für die Flutungsbewässerung ist sicherlich die gute Wasserspeicherfähigkeit der Böden:  die üppigen Schwemmlandböden weisen im Gegensatz zum steinigen Uco Valley eine größere, reichhaltigere Bodenschicht auf (80-100cm). Sie besteht zum größten Teil aus sandhaltigem Lehm und Ton sowie einer geringen Kalksteinkomponente (3%).  Der Boden ist durchsetzt von kleinen, runden Steinen, die die Gebirgsflüsse über Tausende von Jahren geschliffen aus den Anden angeschwemmt haben. Um dem Boden ein wenig mehr organisches Material zur natürlichen Düngung zuzuführen, sind die Rebreihen um das Weingut mit Rasen bepflanzt. Insgesamt erbringen die Reben in diesen reichhaltigeren Böden Weine mit vergleichsweise vollem, fruchtigen Charakter.

Die heutige Kellerei der Bodega KAIKEN wurde von ihren italienischen Erbauern mit viel Know-how und Ambitionen konzipiert. Davon zeugen die zahlreichen Gärtanks aus Zement, die in einer großen, durch dicke Steinmauern optimal vor der Sommerhitze geschützten Halle eingesetzt wurden. Mit einem Fassungsvolumen von 12.000 bis 30.000 Litern sind die Gärtanks aus Zement ideal geeignet für die Produktion kleinerer Mengen von verschiedenartigen Qualitäts- und Premiumweinen. Leider machten die Italiener die Rechnung ohne den Wirt: so durften argentinische Weine bis in die 70er Jahre per Gesetz ausschließlich in der Hauptstadt Buenos Aires in Flaschen abgefüllt werden. Als Transportmittel zwischen Mendoza und dem 1.400 km weit quer durch die Pampa entfernten Buenos Aires gab es nur die Eisenbahn mit ihren nicht klimatisierten gigantischen Tanks. Die Bemühungen des Eigentümers, Weine verschiedener Lagen, Verschnitte oder Qualitätsstufen separat zu vinifizieren und abzufüllen, dürfte spätestens an diesem Gesetz gescheitert sein. Die 100 Jahre alten Original-Zementtanks wurden dennoch, wenn auch viel später, ihrer gedachten Bestimmung zugeführt, denn das Weingut KAIKEN hat sie belassen und setzt sie mit großer Begeisterung bei der Weinbereitung ein: die Betontanks verhelfen dem Betrieb zu Energieeinsparungen von immerhin 40%, da der Beton die Gärwärme nach außen gibt und den Wein innen fast ohne weitere Hilfsmittel kühl hält. Einmal im Jahr werden sie von innen gestrichen und mit Epoxidharz ausgekleidet, um unerwünschte Reaktionen zwischen Beton und Wein zu vermeiden. Zwei Millionen Liter werden pro Jahr produziert, in einer Anlage mit einer Kapazität von heute beachtlichen sieben Millionen Litern. Die Montes-Familie steht jedoch fest für Qualität vor Quantität und so dürfte es noch viele, viele Rebflächenzukäufe dauern, bis das gesamte Produktionspotential der Bodega KAIKEN abgerufen wird.

  • DSC00305
    DSC00305
  • DSC00308
    DSC00308
  • DSC00311
    DSC00311
  • DSC00321
    DSC00321
  • DSC00315
    DSC00315


Noch konzentriert man sich bei KAIKEN auf den Export und setzt nur 12% der Produktion in Argentinien ab. Dabei profitiert das Weingut weltweit vom erfolgreich aufgebauten Vertriebsnetz des Schwester-Weinguts Vina Montes in Chile, dass mit seinem genialen Preis-Genuss-Verhältnis eine treue Anhängerschaft auf dem Globus gewinnen konnte.   

  

KAIKENS umfangreiches und vielfältiges Weinsortiment lässt keine Wünsche offen: von eleganten Schaumweinen aus traditioneller Flaschengärung über Weiß- und Roséwein bis hin zu anspruchsvollen Rotweinen ist die gesamte Klaviatur vertreten. 

Unter den zwölf verkosteten Weinen aus der aktuellen Weinpalette KAIKENs stachen folgende Tropfen besonders hervor: der Torrontes 2017 aus der KAIKEN Terroir-Series, gekeltert aus „zugekauften“ Trauben aus der Calchaquie-Tal-Anbauzone bei Cafayate/Salta in Nord-Argentinien, betört durch ein reichhaltiges Bouquet aus Rosenblüten, Muskatnoten (einer der beiden Elternteile der Rebsorte gibt sich hier klar zu erkennen) und reifen, tropischen Früchten. Im Mund liefert er eine schöne Säure und erfrischende Zitrusnoten. Ein unkomplizierter Wein für ca. 7,50 EUR, der in seiner Herkunftsregion in Nord-West Argentinien sehr gerne zum regionalen Klassiker, dem Teigtaschengericht Empanadas mit Fleischfüllung getrunken wird. Überhaupt ist die Rebsorte Torrontés, genauer gesagt der Torrontés Riojana ein Klassiker in Argentinien. Entstanden als Kreuzung des spanischen Muskateller von Alexandria und der italienischen Criolla Chica hat sich die Rebsorte zu einem bekannten, argentinischen Exklusivprodukt gemausert. Nicht zu verwechseln mit dem in Nord-West-Spanien beheimateten Torrontés, der in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis zum argentinischen Torrontés Riojana steht. 

  • DSC00333
  • DSC00341
  • DSC00327


Ebenfalls ein erstklassiges Preis-Genuss-Verhältnis bietet übrigens der Chardonnay aus der gehobenen KAIKEN Ultra-Linie. Auf der Basis von Trauben aus der Subzone Gualtallary im kühleren Valle de Uco hergestellt, überzeugt dieser großartige Weißwein durch seine elegante Mitte zwischen dem frischen Ausbaustil in Europa und den oftmals fetteren Chardonnays mit intensiver Holznote in den USA. Verlockende, jedoch nicht überbordende Noten reifer, gelber Früchte (gleich ein ganzer Korb davon), grüner Banane und Honigmelone treffen auf die feine Röstigkeit von toll integriertem Holz. Gleichzeitig besitzt der Wein eine prägnante, jedoch weiche Säure - und schafft das ganz ohne biologischen Säureabbau. Ein toller Chardonnay für ca. 13 EUR.

Unter den vielen bislang verkosteten Roséweinen treffe ich bei KAIKEN ebenfalls auf ein erstaunliches Exemplar:  Unter anderem werden Malbec-Reben im nahen Agrelo, einer Subzone Mendozas mit besonders reichhaltigen Böden und entsprechend großen Trauben, eigens für diesen Rosé besonders intensiv bewässert, um dem späteren Wein mehr Saftigkeit und Lebendigkeit zu geben. Nach 6-8 Stunden Schalenkontakt wird der dann leicht pinke Most zu einem Roséwein mit einem verlockenden Bouquet roter Beeren und Rosen vergärt. Was den 2017 KAIKEN Mendoza Rosé von den heute üblichen Rosés unterscheidet ist neben der mutigen leicht intensiveren Pink-Färbung, das eine gewisse Aromenintensität roter Früchte, insbesondere frischen Erdbeeren auch im Mund gegeben ist und dass ohne den kleinsten Anteil von bitteren Noten. Es gibt so viele aromatisch flache Rosés auf dieser Welt!!! Ein delikater, frisch-fruchtiger Rosé, der selbst im Nachgeschmack eine leichte, angenehme Beerenfruchtigkeit hinterlässt. Eine große Überraschung für kleines Geld - im Verkauf für ca. 7,50 EUR.

Ein vergleichbares Preis-Genussverhältnis ebenfalls aus der für ihre fruchtigeren Weine bekannten Zone Agrelo, bietet der Rotwein 2017 KAIKEN Estate Malbec Lújan de Cuyo-Agrelo: für ebenfalls 7-8 EUR Verkaufspreis wird dem Konsumenten ein in der Nase nach Pflaume und reifen Kirschen duftender Wein geboten, der einen mittleren Körper und Gehalt an weichen Gerbstoffen aufweist. Ein unkomplizierter, fruchtbetonter Rotwein, der gerne auch ohne Speisenbegleitung genossen werden kann. 40% des Weines werden für 6 Monate in französischen Eichenfässern ausgebaut, 30% davon in Erstbelegung, und geben dem Wein die notwendige Komplexität.


Insgesamt drei größere Brüder hat dieser Einstiegs-Malbec aus dem Hause KAIKEN, die zunehmend komplexer und höherwertiger sind: auf den Kaiken Estate-Malbec folgt der 2016 KAIKEN Terroir Series Malbec, der Trauben aus dem deutlich höher gelegenen Valle de Uco und Agrelo vereint. 10 Monate lang in französischen Eichenfässern gereift, ergeben 80% Malbec-Trauben, 15% Bonarda (für die intensive Farbe) und 5% Petit Verdot (für die Fülle und Fleischigkeit) eine wunderbare Cuvée. Im Vergleich zum reinsortigen KAIKEN Estate Malbec erwartet den Gaumen hier ein Touch mehr Frucht- und Säurefrische sowie Tanninstruktur, was den Wein zu einem idealen Begleiter von Speisen macht. 


In der nächsthöheren KAIKEN Ultra-Linie wird es dann schon famos. Das zweite Mal in Folge vom WineSpectator unter die besten 100 Weine der Welt gewählt (aktuell Platz 45) treffe ich wieder auf einen reinsortigen Malbec, der jedoch Trauben aus drei Lagen vereint, die allesamt im hochgelegenen Valle de Uco anzutreffen sind: Vistaflores, Altamira und Gualtallary. Wie im Valle de Uco-Spezial bereits beschrieben, flossen in diesen Wein aufgrund der unterschiedlichen klimatischen Gegebenheiten (höhere Tag-Nacht-Temperaturdifferenz, leicht geringere Temperaturen, höhere Intensität der Sonnenstrahlen) kleinere Trauben mit dickerer Schale, höherem Säuregehalt und naturgemäß niedrigeren Erträgen ein. Mit einem entsprechenden Mehr an Konzentration von Farbe, Aromen und Tanninen wartet der Wein auf. Der rubinrote Wein lässt den längeren Holzfassausbau (12 Monate in französischer Eiche, davon 70% Erstbelegung) im Bouquet und Geschmack deutlich (aber nicht zu deutlich) erkennen. Eine tiefgründige, komplexe Aromatik diverser roter und schwarzer Früchte in Nase und Mund lädt zum Schwelgen in der Aromenwelt ein. Ein toll strukturierter Wein, der angesichts seiner Platzierung in der Weltrangliste für extrem günstige 13-14 EUR zu erwerben ist. 

Das große Finale in der Malbec-Reihe bildet der 2014 KAIKEN MAI Malbec. Im eingangs geschilderten, 120 Jahre alten Vineyard, werden die mit der traditionellen Flutungsbewässerung gereiften Trauben geernet, zu Wein verarbeitet und 18 Monate in neuen französischen Eichenfässern ausgebaut. 120 Jahre Jahre alte Rebstöcke sind alles andere als ertragreich. Zehn, mit viel Glück zwölf Hektoliter Wein dürften die alten Gewächse noch produzieren können. Dafür geht die ganze Kraft der Pflanze in diese wenigen Beeren und schenkt dem Produzenten eine immense Konzentration. Wie nicht anders zu erwarten, ist dieser junge Wein frisch eingeschenkt noch viel zu verschlossen, um seine Aromatik beurteilen zu können. Zu sehr steht er noch unter dem Eindruck des Holzkontaktes. Sehr dunkel, fast tintenschwarz präsentiert sich der Wein. Nach längerem Schenken gelangen erste dezente Noten schwarzer Kirschen, dunkler Schokolade und Röstnoten in die Nase. Auch im Mund reichlich dunkle Frucht, Feige, Rosinen und Kaffeenoten. Ein hoher Tanningehalt, jedoch fast bis zur Süße gereifte Gerbstoffe, hohe Komplexität und Vielschichtigkeit. Ein großer Wein, der seine ca. 95 EUR getrost kosten darf.

  • DSC00365
    DSC00365
  • DSC00356
    DSC00356
  • DSC00352
    DSC00352
  • DSC00411
    DSC00411
  • DSC00424
    DSC00424



Die höchstgelegenen Weinberge der Erde - eine Reise auf 3.111 müNN

Nur Wahnsinnige fahren 2,5 Stunden lang über holprige, ungeteerte Kiesstraßen durch 500 Kurven, um unzählige Schlaglöcher herum und weichen Tausenden von Steinen aus, um das höchstgelegene Weingut der Erde zu erleben. Das Weingut Estancia Colomé bereitet jedoch denen, die die mindestens vierstündige Anreise aus der Zivilisation wagen, einen atemberaubenden Empfang. Eine grüne Oase bestehend aus Weingut, Kunstmuseum und Luxushotel samt Panorama-Pool mit Blick in die schroffe Kakteen- und Gebirgslandschaft - was bräuchte es mehr zum Leben?

  • DSC09707
  • DSC09733
  • DSC09748
    DSC09748
  • DSC09722
  • DSC09739
  • 2018-01-03 07.42.36 (3)
    2018-01-03 07.42.36 (3)


Weil heute Neujahr ist und die Höhenlage des Hotels auf 2.300 Metern die Sinne benebelt, sitze ich beim Sonnenuntergang mit einer Flasche Altura Maxima 2014, einem reinsortigen Malbec, von dem gerade mal 7.200 Flaschen produziert wurden. Ich rolle des Feld sozusagen von oben auf. Altura Maxima - maximale Höhenlage! Die Trauben für diesen Extrem-Wein wachsen auf exakt 3.111 Metern Höhe. In 2017 gleich zwei Mal vom Guinness Book of World Records-Team nachgemessene dreitausendeihundertundelf Meter! In solchen Höhenlagen werden anfällige Touristen mit der Diagnose Höhenkrankheit in das 5 Fahrtstunden entfernte Krankenhaus von Salta eingeliefert. Der morgendliche Versuch durch die Weinberge zu Joggen endet nach 20 Minuten mit Schnappatmung bei Sauerstoffmangel. Und überhaupt fühle ich mich, als hätte etwas meinen Stecker gezogen. Soviel zur Reaktion meines Körpers auf die Erhebung. Aber was macht diese Höhenlage mit den Trauben? 

Erstens: die in dieser Felswüstenlandschaft eigentlich hohen Temperaturen werden mit jedem Höhenmeter moderater. Nicht zu vergessen: wir befinden uns auf der Südhalbkugel außerhalb der klassischen Weinbauzone, die typischerweise in der klimatisch gemäßigten Zone zwischen dem 30. und 50. Breitengrad liegt. Nördlich des 30. Breitengrades, also in den Subtropen und Tropen sind die Temperaturen eigentlich zu warm für die Qualitätsweinerzeugung. Estancia Colomé liegt in der Nähe des 25. Breitengrades. Nur dank der extrem hohen Lage im Andengebirge ist Qualitätsweinbau hier sehr wohl möglich. 

Zweitens: oft angebracht, aber immer wieder ein wichtiger Faktor - die hohe Temperaturdifferenz zwischen Tag und Nacht, welche die Traubenreifung verlangsamt und die Trauben mit mehr Frische und nachhaltigerer Aromatik beschenkt. Je höher die Lage, desto drastischer fällt auch das Temperaturgefälle zwischen Tag und Nacht aus.

Die dritte im Bunde ist die Intensität der Sonnenstrahlung. Zum Schutz vor der starken UV-Strahlung produziert die Traube nicht nur dickere Schalen, sie enthalten auch deutlich höhere Anteile an Anthocyaninen (Farbstoff bei blauen Trauben; bei hellen Trauben werden entsprechend Flavonoide produziert) und Gerbstoffen. Ihr natürliches Ziel: die zur Fortpflanzung produzierten Samen, d.h. die Traubenkerne vor dem schädlichen Zuviel an Sonne schützen. Unter den Trauben finden wir hier sozusagen die dunkelhäutige Bevölkerung, was bei entsprechend angepasster Weinbereitung farbintensivere Rotweine hervorbringt. Der hohe Gerbstoffgehalt der Schalen ist dabei keineswegs eine bittere Pille.  So sind die Tannine aufgrund der langen Reife weicher und sanfter mit vergleichweise geringer Adstringenz.

Summa summarum genießen die Trauben intensivstes Sonnenlicht bei moderaten Temperaturen mit genügend nächtlicher Bettruhe. Der Zuckeraufbau in den Trauben wird verlangsamt, der Säureabbau gebremst und die Trauben dürfen lange, lange hängen und ihre intensiven Aromen entwickeln. 

Nun zum Feldtest, dem 2014 Altura Maxima aus 3.111 Metern Höhe: Im Glas vor mir befindet sich ein nahezu schwarzer Wein. Undurchdringlich. Nur am äußeren Rand ist für das Auge erkennbar, dass es sich um einen rubinroten Rotwein handelt. Den Glasansatz durch den Wein erkennen? Fehlanzeige! Auch das Licht der untergehenden Sonne schafft es nicht, diese extreme Konzentration von Farbe zu durchdringen. In der Nase: eine elegante Saftigkeit von frischen Zwetschgen, reifen Ockstädter Kirschen, Blaubeeren, Lorbeerwürze. Holzeinfluss lässt sich nur erahnen, so gewaltig strömt der Duft frischer roter und vor allem schwarzer Früchte aus dem Glas. Im Mund fällt zuerst die feine Säure auf, bei sehr elegantem Körper. Ja - ausgiebig Tannine aber weich und samtig wie Babyhaut. Eine schier unendliche Präsenz im Mund: aromatisch, erfrischend, komplex, saftig und strukturiert - ohne satt zu machen. Ein unvergesslicher Wein an einem unvergesslichen Ort. 

Ich frage mich - wie kommt der Wein hierher? Welche Menschen kamen auf die Idee, in dieser Abgeschiedenheit Wein anzubauen? Überrascht erfahre ich, dass dieses Weingut nicht etwa jüngst aufgrund der Flucht aus den immer wärmer werdenden klassischen Anbaugebieten entstand. Ganz im Gegenteil: nicht auf den extremen 3.111 Metern Höhe der Bodega Colomé, jedoch in der umliegenden Region namens Valles Calchaquíes jährt sich der Traubenanbau zur Weinbereitung bald zum 500. Mal. Auf durchschnittlich 2.000.Metern Höhe gelegen, verläuft das ca. 20 km breite und 500 km lange Tal parallel zum Andengebirge von Norden nahe der bolivianischen Grenze nach Süden. Namensgeber ist der Calchaquí-Fluss, der von zahllosen Gebirgsflüssen aus den bis auf 6.000 Meter steigenden Anden gespeist wird. Stellenweise sind die breiten Flächen der Gebirgsflüsse nur ein kleines Rinnsal oder gar komplett ausgetrocknet. Es sei denn, es entsteht ein sommerliches Gewitter. Für kurze Zeit verwandeln sich die ausgetrockneten Flussläufe dann in reißende Ströme, um kurze Zeit später wieder komplett auszutrocknen.


  • Calchaqui-Fluss
    Calchaqui-Fluss
  • Molinos Flussbett
    Molinos Flussbett
  • Valles Calchaquíes
    Valles Calchaquíes


Durchschnittlich 150 bis 200 mm Niederschlag fallen auf diese Weise insgesamt, die jedoch von den durchlässigen, sandigen Böden blitzschnell absorbiert werden. A propòs Böden: die sind im Tal durchgängig nährstoffarm und besitzen kaum organische Masse. Es handelt sich um sehr sandige, angeschwemmte Böden, die aus über Millionen Jahre von den Gletschern abgetragenem, fein zermahlenem Gestein sowie von den Flüssen antransportierten, dicken Kieseln bestehen. Ganz klar - ohne Bewässerung wächst hier kein Wein. Und vor dieser Herausforderung standen die Bewohner der Calchaqui-Täler schon vor sehr langer Zeit. Die Produktion alkoholischer Getränke durch die Vergärung von Früchten hat nämlich eine lange Geschichte in dieser Region, die bis zu den Ureinwohnern zurückreicht. Zu denen gehörten  auch die Stämme des INKA-Reiches, die aus nördlicher Richtung in das breite Tal einwanderten. Die Ureinwohner benötigten die alkoholischen, stimulierenden Getränke für ihre religiösen Zeremonien und ihren Opferkult, der leider auch so manches menschliche Leben verlangte. 1535 trafen die ersten spanischen Eroberer ein und lösten einen über 100 Jahre andauernden Krieg mit den Ureinwohnern aus, der in der nahezu vollständigen Auslöschung der Stämme resultierte. In der finalen Schlacht im Jahr 1664 ereilte die lokale Bevölkerung die totale Niederlage. In diesen schweren Zeiten führten die Jesuiten zahlreiche Expeditionen durch, bei denen Missionare (Priester und Mönche) als Friedensstifter und Prediger des römisch-katholischen Glaubens agierten. In der Nachkriegszeit entwickelte sich langsam aber stetig eine creolische Kultur, eine Symbiose von spanischen und indigenen Elementen, die unter anderem die Geburt der berittenen Nomaden (sogenannte Gauchos) zur Folge hatte. Im 19. Jahrhundert kam es schließlich zu Unabhängigkeitskämpfen, die im Jahr 1810 in der Lösung Argentiniens von der spanischen Krone endeten.

Mit den spanischen Eroberern wurden erstmalig Weintrauben eingeführt. So legten die Jesuiten im 16. Jahrhundert die ersten Rebpflanzen an mit dem Ziel, Wein für ihre römisch-katholischen Messfeiern zu produzieren. Aufzeichnungen belegen, dass im Jahr 1553 die ersten Rebpflanzen aus Chile eingeführt wurden. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde der Markt für Weine aus der Region größer und bedeutender. Mit Karren, gezogen von Ochsen und Maultieren, wurde der Wein in Fässern und Tonbehältern zu den Abnehmern transportiert. 

Die 1831 gegründete Estancia Colomé gehörte anfangs dem letzten spanischen Gouverneur von Salta, Nicolás Severo de Isasmendi y Echalar, und begann ihre Produktion ausschließlich mit einheimischen Rebsorten. Benannt ist das Weingut nach dem legendären Häuptling Colomin, der sich im 16. Jahrhundert mit den Jesuiten anfreundete und im Gegenzug mit europäischen Reben beschenkt wurde. Der Tochter eben dieses letzten Gouverneurs, Dona Ascensión, ist es zu verdanken, dass französische Malbec und Cabernet Sauvignon-Pflanzen noch vor Ausbruch der Reblausplage in Europa über chilenische Händler erworben und eingepflanzt wurden. Das Weingut arbeitete damit recht erfolgreich - so wurden die Weine bereits im 19. Jahrhundert bis nach Frankreich exportiert. In den folgenden 100 Jahren wechselte das Weingut zwei Mal den Besitzer, befand sich jedoch durchgängig im Besitz lokaler Familien. Im Jahr 1996 kam es zu einer schicksalhaften Begegnung zwischen Colomé-Wein und einem Schweizer, der eigentlich aus einer Bierbrauerfamilie stammte und später mit der Produktion von Mineralwasser (Valser Wasser) und dessen Verkauf an Coca Cola ein Vermögen verdiente: dem gebürtigen Berner Unternehmer Donald Hess. Im besagten Jahr bereiste er den Nord-Westen Argentiniens und erkundigte sich bei einem Winzer in Angastaco, knappe 60 Minuten Schotterpistenfahrt von der Bodega Colomé entfernt, nach dem besten lokalen Wein. Der Winzer empfahl ihm, unbedingt nach Colomé-Weinen Ausschau zu halten, den bekanntlich besten Weinen aus der Region. Kurze Zeit später wurde Donald in einer Weinbar in Cachi ein Colomé-Wein namens Colomé Vino Tinto empfohlen und kredenzt. Von dessen kräftigem Bouquet und der tiefdunklen Farbe war der schweizerische Unternehmer auf Anhieb begeistert. Obwohl der Wein Noten einer ungewollten zweiten Gärung aufwies, sah Donald Hess einen Rohdiamanten vor sich und wurde vom Jagdfieber gepackt. Der Plan, die Produktionsstätte dieses außergewöhnlichen Weines sofort zu besuchen, fiel im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. Starke Regenfälle hatten den Molinos-Fluss anschwellen lassen und den schlecht ausgebauten Pfad zur Estancia Colomé unpassierbar gemacht. 

Bis 1998 musste sich Donald Hess gedulden, bevor er das Weingut besuchen konnte. Drei Monate lang versuchte vor Ort, den Eigentümer von einem Verkauf des Weinguts zu überzeugen und scheiterte. Zwar entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden Männern, jedoch kam es nicht zum Verkaufsdeal. 

Weil ihn das Valle Calchaqui so nachhaltig faszinierte, schlug Donald Hess im Jahr 1999 stattdessen weiter nördlich in El Arenal bei Payogasta zu und erwarb 350 Hektar Land in 2.600 Metern Höhe. Donald Hess sah in diesem Wüstenland viel Potential und Einzigartigkeit. Mangels Flusswasserzugang spekulierte Donald Hess auf unterirdische Wasserquellen. Die lokale Bevölkerung bezeichnete ihn als Loco (Verrückten), als sie von seinem Vorhaben Wind bekam, in einer Gebirgswüste auf 2.600 Metern Höhe Wein anbauen zu wollen. Donald Hess wettete dagegen. „Amalaya“ rief einer der Arbeiter aus - in der Sprache der Ureinwohner bedeutet dies „Hoffen wir auf ein Wunder“ und gab damit einer im südlicher und niedriger gelegenen Cafayate produzierten Weinlinie der Bodega Colomé ihren Namen. Nach 5 Tagen Bohrungen und bei zunehmender Nervosität aller Augenzeugen stieß der Bohrkopf nämlich zur Verwunderung aller Zweifler tatsächlich auf Wasser. 

Die starke Abwertung des argentinischen Pesos im Verlauf der argentinischen Wirtschaftskrise mischte 2001 die Karten neu. Dieses Mal war der mittlerweile zahlungsunfähige Colomé-Inhaber verkaufswillig und veräußerte die Estancia Colomé samt den zugehörigen 64.000 Hektar Land. Donald Hess traf auf eine verlassene und verfallene Liegenschaft. Leckende Dächer, zerbrochene Fensterscheiben, defekte Türen und Maschinen. Das älteste, kommerzielle Weingut Argentiniens war im Jahr 2001 ohne fließendes Wasser, Elektrizität, Kanalisations-, Telefon- und Internetanschluss. Noch während ich dies schreibe, im Januar 2018, sind die Strommasten zwischen der nächst gelegenen Ortschaft Molinos und der Bodega Colomé nicht fertiggestellt. Die 20 Kilometer lange, private Schotterstraße zur Estancia befand sich in erbärmlichem Zustand. 

Unter allen unternehmerischen Projekten, die Donald Hess begleitete, war die Estancia Colomé das wohl schwierigste, herausforderndste aber gleichzeitig auch lohnendste Projekt. Neben dem Neubau von Weingut, Restaurant, Gemeinschaftszentrum mit Kiosk, Schule, Kirche, Krankenstation und hydroelektrischer Turbine wurden umfangreiche Reparaturarbeiten durchgeführt - das alles während der argentinische Pesos weitere zwei Drittel an Wert verlor. Ein zweistelliger Millionenbetrag wurde investiert. Sogar ein Hubschrauberlandeplatz wurde angelegt, um medizinische Notfälle schnell in ärztliche Behandlung transportieren zu können. Die mit Reben bestockte Fläche multiplizierte sich zwar von 10 Hektar auf 72 Hektar, jedoch gelang es angesichts der hohen Entwicklungskosten erst im Jahr 2015, schwarze Zahlen zu erwirtschaften. 6,5 Jahre verbrachte Hess mitsamt seiner Frau Ursula insgesamt in der Abgeschiedenheit der Estancia. Zu den größten persönlichen Herausforderungen zählte der Gewinn des Vertrauens der lokalen Bevölkerung, die anfänglich das Weite suchte, sobald sie nur ein Auto sah. Das Anlernen und die Entwicklung von Fertigkeiten und Fähigkeiten bei den Siedlungsbewohnern stellte die Geduld auf eine harte Probe. Beim Einführen von modernen Standards im Bereich Gesundheit, Ernährung und Hygiene begann das Hess Ehepaar nahezu bei Null. Mit Hilfe der Stiftung Colomé Foundation fließt auch heute weiterhin viel finanzielle und fachliche Unterstützung in den Erhalt und die Verbesserung von Infrastruktur und Lebensstandard in der Siedlung.


  • DSC09790
  • IMG_5917
  • IMG_5882
  • DSC09793
  • IMG_5916


An einem wunderschönen zweiten Januartag darf ich die ersten Morgenstunden mit Andrés verbringen, der als Vineyard Manager für die Weinberge und Außenanlagen der Estancia Colomé verantwortlich ist. Er berichtet, dass es im Jahr 2016 unterdurchschnittliche, magere 55 mm Niederschlag gab und die Wasserversorgung der Reben für die nächtliche Bewässerung eine wesentliche Herausforderung ist. Oberhalb des Weinguts wird das Wasser eines Gebirgsbaches in ein großes Reservoir geleitet und dort zu Bewässerungszwecken kontrolliert abgegriffen. Entsprechend unwahrscheinlich ist in dieser trockenen Witterung der Schädlingsbefall. Nur einmal im Verlauf der gesamten Vegetationsperiode verordnet Andrés das Ausbringen von Schwefel - eine reine Vorsichtsmaßnahme, um jedes Restrisiko für einen Pilzbefall auszuschließen. Dank des starken Nachmittagswindes trocknen die Reben nach den seltenen sommerlichen Niederschlägen schnell und vollständig. Diese starken Nachmittagswinde stehen übrigens auch zwischen mir und einem erfrischenden Glas Weißwein am Panoramapool - das Glas würde gefüllt oder leer innerhalb weniger Minuten durch eine kräftige Böe in einen Scherbenhaufen verwandelt.  

Den Ameisen zum Opfer gefallen

Während unserer gemütlichen Fahrt durch die Rebanlagen erklärt Andrés, dass die Estancia Colomé nach biodynamischem Ansatz bewirtschaftet, das entsprechende Siegel jedoch schweren Herzens aufgeben muss. Jahrelang wurde alles Menschenmögliche getan, um sich mit einem tierischen Herausforderer auf natürliche Art und Weise zu arrangieren. Es ist nicht die Reblaus, denn die braucht zur Entfaltung ihrer zerstörerischen Kraft schwere Böden und kann sich in stark sandigen Böden nicht ausbreiten. Spezialisten aus aller Welt wurden konsultiert - verordneten Essenzen, Zement, Feuer, Rauch und diverse andere, naturnahe Mittel. Als die Ernteausfälle Richtung 30%-Marke wanderten, wurde die Plage existenzbedrohend: mit großem Fleiß machten sie sich im Frühling und Sommer Millionen ihrer Art über die zarten, jungen Blätter und Triebe her, transportierten das Erbeutete in ihre Hügel und stellten sie einem in ihren Bauten symbiotisch lebenden Pilz als Nahrungsquelle zur Verfügung. Die Rede ist von Ameisen, die regelmäßig unzählige Nester in der Nähe der Weinberge anlegten. Ohne den selektiven Einsatz von Pestiziden wäre die Estancia Colomé wohl bald Geschichte gewesen. Heute werden die Weinberge regelmäßig auf Ameisennester untersucht, die zu nahe an die Rebanlagen gebaut sind. Die Ausbringung der Ameisenbekämpfungsmittel erfolgt jedoch keineswegs großflächig oder gar prophylaktisch, sondern bei Bedarf und lokal in den Ameisennestern, die den begehrten Reben bedrohlich werden. Entsprechend häufig werden alle Rebreihen gezielt abgegangen. In den regelmäßigen Laborkontrollen der Colomé-Weine werden Pestizidrückstände ausgeschlossen, d.h es erfolgt kein Eintrag in die Weine.

Wir fahren auch durch die nahe gelegene Siedlung, der das Hess- Ehepaar mit viel persönlichem und finanziellen Aufwand modernes Leben eingehaucht hat und begutachten das neu gestaltete Dorf mit seinen gemeinschaftlichen Einrichtungen wie Kirche, Krankenstation und Schule. 600 Personen leben im „Colomé-Dorf“. Etwas verlassen wirkt dieser Flecken Erde an diesem Morgen, was daran liegen mag, dass die meisten Einwohner aktuell mit der Grünlese in den Rebanlagen beschäftigt sind. Genau diese beobachten wir bei unserem nächsten Stop und sehen, wie fleißige Arbeiter zu schwache oder überzählige Triebe sowie Geiztriebe mit ihren unreifen Trauben entfernen. 

Der wahre Höhepunkt unserer Tour durch die Weinberge ist nach einer kleinen Klettertour durch ein ausgetrocknetes Bachbett erreicht. Dort stehen sie tatsächlich: die Originalreben aus den ersten Anpflanzungen von 1831: über 170 Jahre alte Rebstöcke (!!!) im historischen Santa Jacoba Vineyard, gemischt gepflanzt mit weißen und roten Rebsorten von Bonarda über Mission und Torrontes. Ergänzt im Jahr 1854 durch die edlen französischen Rebsorten Cabernet Sauvignon und Malbec. Dickstämmige, uralte Rebbäumchen auf Böden ohne organische Materialien - nahezu 100% Sand und Stein. Ein so langes Überleben funktioniert nur in völliger Abgeschiedenheit und bei besten klimatischen Voraussetzungen für eine lange Traubengesundheit, nämlich extremer Niederschlagsarmut. Bewässert wird traditionell per Überflutung.  Einmal pro Monat wird Wasser in die Versorgungskanäle eingelassen und mit Hilfe von Schaufeln und Spaten in die gewünschten Furchen gelenkt, die neben den Reben verlaufen. Auf meine Frage, ob aus dieser historischen Mischanpflanzung tatsächlich noch Weine produziert werden, erklärt mir Andrés, das sowohl eine Weißwein-Cuvee, als auch der sogenannte Lote Especial Malbec sowie ein reinsortiger Torrontes hergestellt werden. Liebhaberweine mit extrem geringen Erträgen, denn je älter der Rebstock, desto weniger Trauben bringt er altersbedingt zur Reife. Auf ca. 4 Tonnen geerntete Trauben pro Hektar kommt Andrés in diesen uralten Lagen, verglichen mit ca. 6-8 Tonnen Trauben Hektar Durchschnittsertrag für am Drahtrahmen erzogenen, jüngeren Malbec in Höhenlagen ab 2.300 Metern, dies wiederum verglichen mit 10-12 Tonnen Durchschnitts-Traubenertrag für am Drahtrahmen erzogenen Malbec im gesamten Calchaqui-Tal. Drei dieser historischen Lagen besitzt das Weingut Colomé auf beachtlichen vier Hektar Fläche. Der Begriff „Alte Reben“ auf den Flaschenetiketten ist ja weltweit leider nicht gesetzlich reguliert - ich bin mir aber ganz sicher, das die Estancia Colomé die globale Hitliste auf den vorderen Plätzen anführen würde.

  • DSC09838
  • DSC09820
  • DSC09832
  • DSC09826
  • DSC09837
  • DSC09842


Als wäre der Weinbau auf 2.600 Höhenmetern in der Finca El Arenal noch nicht genug, wagte sich Donald Hess im Jahr 2007 an die ultimative weinbauliche Herausforderung: er legte 2007 den weltweit höchstgelegenen Weinberg auf maximaler Höhe „Altura Maxima“ an. Auf insgesamt 25 Hektar, gelegen zwischen zwei Bergen, profitieren die Trauben hier von talaufwärts steigenden, warmen Winden. Die bis auf 6.000 Meter reichenden Anden schützen vor den kalten Pazifikwinden, die der eiskalte Humboldtstrom auf der Andenwestseite speist. Doch auch in den Anden wird es Winter und so nahe an die gefährlichen Frühjahrs- und Herbstfröste kommt weltweit kein weiterer Weinberg. Es brauchte viel Geduld, bis die ersten Trauben aus dieser Höhe geerntet werden konnten. So versuchte es das Team aufgrund der kargen Böden zuerst mit der Gobelet- oder Buscherziehung, scheiterte jedoch und wechselte zur Drahtrahmenerziehung mit einer windbedingt nur 20 cm vom Boden entfernten Traubenzone. Die empfindlichen Fruchtruten fielen reihenweise den Frühjahrsfrösten zum Opfer, sodass die Fruchtruten heute ca. 80 cm entfernt vom Boden angelegt werden. Die dicken Rebstämme bestehend aus mehrjährigem Holz sind bei weitem nicht so frostempfindlich wie die jungen Fruchtruten. Bei starkem Frost wird zudem eine Sprinkleranlage aktiviert, die die Reben mit einer dünnen, vor extrem frostigen Temperaturen schützenden Eisschicht umgibt. In 2011 konnten schließlich die ersten sechs Fässer Wein aus dieser Höhe abgefüllt werden.

So weit oben fallen Sonnenstrahlung und Tag-Nacht Temperaturgefälle besonders intensiv aus. Die Durchschnittstemperatur ist hier noch ein Stückchen niedriger als in den „niedrigeren“ Lagen auf 2.300 Metern. Es verwundert wenig, dass die Trauben hier bis kurz vor Wintereinbruch hängen, um komplett ausreifen zu können. Es ist jedes Jahr aufs Neue eine Wette gegen die Natur. Während die Weinberge in den „niedriger gelegenen“  Lagen des Calchaqui-Tals (ca. 1.700m) bereits zwei Wochen später als in Mendoza (ca. 800m) gelesen werden, so findet die Lese der „ mittelhoch gelegenen“ Weinberge rund um die Bodega Colomé (2.300m) weitere drei Wochen später und in den ultimativen „High Altitude“- Lagen El Arenal (2800m) und Altura Maxima (3111m) gar noch drei Wochen später statt. In Summe bis zu zwei Monate später als in Mendoza und damit im Grunde mit dem argentinischen Wintereinbruch. In diesen Höhen ist die Grenze des Möglichen mehr als erreicht - Weinbau am absoluten Limit. Weintrauben in noch höherer Lage zur Reife zu bringen, ist ohne Bodenheizung schwerlich möglich. Ein Winzer, der sich momentan im Norden bei Jujuy auf noch höheren Lagen versucht, so erzählt mir Andrés, wird gerade von der Natur in die Knie gezwungen und steht kurz vor dem Resignieren. 

Während die Böden auf den 2.300 Metern Höhe der Finca Colomé geringe Lehmanteile führen, die eine minimale Wasserspeicherung ermöglichen, besteht der Boden in Altura Maxima fast ausschließlich aus Sand, Kies und Schotter. Gepflanzt wurden die Rebsorten Malbec, Pinot Noir und Sauvignon Blanc, die jeweils ihre ganz eigenen Anforderungen an die Rebbehandlung stellen. Beispielsweise zählt Pinot Noir zu den relativ früh austreibenden Rebsorten. Ein zu früher Rebschnitt könnte bei späten Frühjahrsfrösten den kompletten Ernteverlust  bedeuten. Der Rebschnitt erfolgt aus taktischen Gründen so spät wie möglich, oftmals nach dem Aufbrechen der Knospen, um im Frostfall auf überlebende Triebe zurückgreifen zu können.


Auf die ausführliche Rundfahrt und Begehung mit Andrés folgt das Treffen in der Kellerei mit Wine Maker Antoine, der diesen Job gerade von Thiebaut Delmotte, dem langjährigen, erfolgreichen Kellermeister Colomés übernimmt. Es hat tatsächlich erneut einen gebürtigen Franzosen in diese Einsamkeit verschlagen, der noch dazu gebürtiger Bordelaiser (genauer gesagt Libourneser) ist und als beratender Önologe unter weiteren, weltweiten Consulting-Einsätzen auf keine Geringeren als die edlen Lafite-Weine Einfluss nahm.

  • DSC09869
  • DSC09868
  • DSC09861


Das in die Winery eingelieferte Traubenmaterial ist in jeder Hinsicht (Aroma, Farbe, Gerbstoffe) speziell und Antoines Job ist es, diese Besonderheiten während der Weinbereitung zu bewahren. Eine wichtige Vorarbeit, die Antoine künftig noch strenger durchführen möchte, ist das vorherige Aussortieren dehydrierter Trauben, die mit ihrem konzentrierten Zuckeranteil eine gleichförmige Gärung stören, in dem ihr Zucker die Hefen beim Stoffwechsel behindert Ziel ist, einen möglichst homogenen Most zu erhalten, der gleichmäßig durchgärt. Sodann durchlaufen die entrappten Weintrauben in der Regel eine einwöchige Mazerationsphase, während derer Aromen und Farbpigmente bei kühlen Temperaturen vorsichtig ausgelöst werden. Es folgt eine ca. 12 tägige Gärphase geleistet durch die im Weinberg und im Keller natürlich vorkommenden Hefestämme. An die 60 Hefestämme sollen es sein, die auf diese Art und Weise den süßen Traubenmost in ein alkoholhaltiges Getränk umwandeln. Nach abgeschlossener Gärung bleiben die Traubenschalen- und Kerne sowie Hefen noch weitere zwei bis drei Wochen in Kontakt mit dem Jungwein, um ihm zusätzliche Komplexität zu verleihen. Vorsicht ist beim Abpressen der Traubenschalen geboten. Aufgrund des hohen Gerbstoffgehalts der Trauben würde ein zu hoher Pressdruck eine hohe Menge an Gerbstoffen im Wein erzeugen. Mit einem eher unterdurchschnittlichen Pressdruck von 0,8 Bar kann Antoine verhindern, dass sich ungewollte, bittere Tannine aus den Schalenresten- oder Kernen in den Wein lösen.


  • DSC09879
    DSC09879
  • DSC09882
    DSC09882
  • DSC09890
    DSC09890


Auf die Kellereibesichtigung folgt ein ausführliches Tasting der Colomé-Weine sowie ein gemeinsames Mittagessen mit Andrés und Antoine, bei dem noch viele interessante Aspekte über das Leben in und mit der Estancia Colomé ausgetauscht werden. Ich greife die Highlights auf, denn die vielen während Tasting und Lunch verkosteten Weine detailliert im Einzelnen aufzuführen, würde den Rahmen deutlich sprengen. Es gibt jedoch eine rote Schnur durch alle Weine:  die Colomé Rot- und Weißweine weisen allesamt eine elegante Aromatik sehr frischer (jedoch nie unreifer) Früchte, eine angenehm lebhafte Säurefrische sowie bei den Rotweinen feine, weich schmeckende Tannine sowie je nach Ausbauart dezente, zurückhaltende Holznoten auf. Jeder der Weine macht Spaß.

Das die Kellermeister ihr Handwerk verstehen, erkennt und honoriert der Weinmarkt immer wieder. Viele Auszeichnungen und Prämierungen heimst die Estancia Colomé Jahr für Jahr ein. Am meisten Stolz bereitet den gesamten Team jedoch, dass der Colome Estate Malbec, eine Malbec Cuvée aus allen Fincas der Bodega (1.700m Finca La Brava/Cafayate/ 2.300 m Finca Colomé/ 2.600 Finca El Arenal/ 3.111 m Altura Maxima) sage und schreibe drei Mal hintereinander vom renommierten Magazin Wine Spectator unter die 100 besten Weine on Planet Earth gewählt wurde. Bis hoch auf den 18. Platz landeten die Plazierungen - und das will bei der extremen Konkurrenz auf dem gigantischen Weinmarkt etwas heißen! Ich darf den 2015 Colomé Estate Malbec wenig überrascht als sehr dunklen Wein sichten, der sich mit einem sehr elegantes Bouquet frischer roter Kirschen und Pflaumen zeigt. Wie ein Parfüm umschmeichelt er in der Nase und kommt auch im Mund unheimlich delikat daher.



 

Ein chilenischer Engel in Frankfurt

Gespannt warten an diesem regnerischen Septembernachmittag 20 geladene Verkostungsgäste auf seine ersten Sätze: Aurelio Montes Senior, Präsident der großartigen Montes Winery und Vice President der Wines of Chile Association steht tatsächlich am mit Weinggläsern voll beladenen Konferenztisch im Roomers Hotel und ergreift das Wort.
Andächtig lauscht das Publikum dem Mann, der den chilenischen Wein exportfähig machte. Vor drei Jahrzehnten wurden in Chile neben dem alkoholischen Nationalgetränk Pisco (einem leichten Brand aus fermentiertem Most von Muskatellertrauben) vielmals noch einfachste Rotweine aus der Rebsorte País hergestellt , die europäische Konquistadoren aus heimischen Gefilden für die Messweinproduktion mitgebracht hatten. Der eher mengenorientierte Weinanbau konzentrierte sich auf die ebenen Flächen des Valle Central und die Qualität der rustikalen Rotweine konnte sich allenfalls als durchschnittlich bezeichnen. Chile war auf den Exportmärkten im Premiumsegment praktisch nicht vertreten.

 

 


Aurelio, der nächstes Jahr 70 Jahre alt wird, verließ die Universität als junger Agraringenieur und beschäftigte sich schon zu Beginn seiner Laufbahn mit Früchten und Reben. Der Zufall wollte es, dass er im Jahr 1988 auf drei gleichgesinnte Verbündete traf, die ein und derselbe große Traum vereinte: Premium-Qualitätsweine aus chilenischen Weinbergen zu produzieren. Zu einer Zeit, in der die Weinindustrie vor sich hin dämmerte und nur wenig Bereitschaft für die erforderlichen Neuinvestitionen bestand. Dafür reiste Aurelio viel, studierte und lernte über die Weinproduktionstechniken in Frankreich sowie über die Fortschritte im Weinbau in der alten sowie neuen Weinwelt. So gab kein Geringerer als Winzerlegende Robert Mondavi ihm den alles entscheidenden Tip, bei den Rotweinen in die kompromisslose Qualität und die Premium-Preisklassen zu gehen.

Unter dem Namen Vina Montes wurde ein gemeinsames Weingut von Grund auf neu gegründet, mit dem wenigen zur Verfügung stehenden Kapital und unter dem Einsatz größter Anstrengung. Die mit ersten temperierbaren Edelstahltanks und Premium-Barrique-Fässer hielten Einzug in Chile; Aurelio plus Partner führten eine neue Bewegung ambitionierter Produzenten an, die mit soliden Weinbereitungsprinzipien die Weinproduktion revolutionierten. Dabei mussten nicht wenige Klinken von Türen geputzt werden, die bis dato fest verschlossen waren. Es ist mir schleierhaft, wie Aurelio Montes nebenbei noch eine Familie mit fünf Kindern (und Stand heute 18 Enkelkindern) bewältigen konnte. Mein Blick fällt immer wieder antwortsuchend auf seine zierliche, zurückhaltend Ehefrau, die neben der Eingangstür zum Konferenzraum sitzt und ebenfalls aufmerksam zuhört. Heute, fast 30 Jahre später besitzt das Weingut stolze 850 Hektar Rebfläche, kauft zusätzlich rund 30% seiner Trauben von langjährigen Vertragswinzern zu und gehört zu den anerkannteste chilenischen Weingütern im In- und Ausland. 

Montes beweist seit Jahrzehnten ungebrochenen Pioniergeist, Geschick, Fingerspitzengefühl und Kreativität beim Erschließen neuer Premiumlagen in teils unerschlossenen und schwer zugänglichen Gebieten. So wurden aus den halbmondförmigen Hügellagen von Apalta im Herkunftsgebiet Colchagua Valley bewusst steile Hanglagen als neue Anbauflächen auserwählt, die eine hervorragende Drainage in den Regenmonaten Juni bis Oktober bieten. Die Weinberge befinden sich hier auf frischen 300 Metern Höhe und profitieren von den Winden des 65 Kilometer entfernten Ozeans, die sich entlang einer großen Bergkette unermüdlich ihren Weg in das Tal bahnen. 300 Tonnen Gestein und Bäume wurden in jahrelanger Arbeit aus einem rund 10 Hektar großen Areal abtransportiert, mit dem Ziel, auf kargen Böden bei hoher Pflanzdichte hervorragendes Traubenmaterial mit kleinen Beeren zu ernten. Spätestens als Aurelio Montes auch vor den Felswänden und steilsten Parzellen im Apaltatal nicht zurückschreckte - mit Steigungen von bis zu 45% wird die Weinbergsarbeit zu einem artistischen Akt -, wurde er in der heimischen Bevölkung kopfschüttelnd als Größenwahnsinniger (engl. folly) belächelt - eine Gegebenheit, die übrigens im extrem limitierten Wein Montes Folly Syrah ein würdiges, geschmackliches Denkmal gesetzt bekam.

Niemand konnte sich damals vorstellen, warum ein Winzer die bequem erschließbare Ebene verlassen wollte, um mühsam Gestein und Dornengestrüpp aus kargen Steillagen an den Füßen der Anden zu entfernen. Aurelios Weine geben eine klare Antwort: mit einem sensationellen Preis-Genuss-Verhältnis erwarten den überzeugten Käufer schon in der Preisklasse von 10 bis 15 EUR sehr dichte, gehaltvolle Weine, die eine ausgezeichnete Balance von Saftigkeit, Eleganz, Komplexität, Struktur und Rebsortentypizität aufweisen. Zu meinen Lieblingsweinen zählen seit Jahren alle dekorativ in feines Pergament gehüllten Weine der Montes Alpha-Linie, sei es der samtige Merlot, der kraftvolle Shiraz, der in Vollendung ausgereifte Cabernet Sauvignon (mit einem 10%-Merlotanteil in der Assemblage, der zuerst angebauten Rebsorte der Alpha-Reihe) oder der Carménère, Chiles exklusiver Spezialrebsorte. 1850 erstmals aus dem Bordeaux eingeführt, wo sie nach der Reblausplage nicht wieder angepflanzt in Vergessenheit geriet, entwickelte sich zum Exportschlager Chiles. Carménère ergibt im warmen Klima Chiles in der Regel tanninarme, dunkle, süffige Weine mit angenehmem Beerenaroma, besitzt jedoch keine besonders hervorragenden Alterungseigenschaften. In Montes' berühmtem Purple Angel wird sie mit einem Anteil von 8% rustikalem, gut alternden und mit fleischigen Tanninen ausgestatteten Petit Verdot verschnitten. 18 Monate Holzfassausbau plus ein Jahr Flaschenlagerung führen zu formvollendetem Genuss. Aurelio ergänzt, dass 46% des Carménère aus dem küstennahen Marchigue-Weinberg stammen, die aufgrund ihrer kühleren Eigenschaften das notwendige Grundgerüst an Schärfe und Säure beitragen, während die übrige Hälfte aus wärmeren Lagen im Apalta-Tal weiche Tannine und beerige Fruchtigkeit einliefern. Auch darf sich Aurelio Montes rühmen, den ersten Super-Premium-Wein Chiles überhaupt erschaffen zu haben. Mit dem Bordeaux-Blend Montes Alpha M ging er soweit, einzelne Trauben per Hand aus den besten Lagen in Apalta zu selektionieren, und das auch nur in den Jahren mit ohnehin außergewöhnlicher Traubenqualität.


Heute kann ich als Nachhaltigkeitsinteressierte Aurelio Montes persönlich fragen, was es genau mit dem "Sustainable Dry Farming" Versprechen auf dem Etikett seiner Weine auf sich hat und merke, wie ich einen sensiblen Punkt getroffen habe.
Tatsächlich umgestellt wurde die Bewässerungspraxis im Jahr 2013. Nicht so sehr, weil Chiles Weinberge unter Wassermangel leiden würden. Die Lage an den Füßen der großen Andengebirge beschert den unzähligen Reservoirs und Dämmen reichlich Schmelzwasser in den regenlosen, trockenen Sommermonaten von Oktober bis Ende Mai.  Es ist ein Win-Win-Unterfangen, so Aurelio, denn seitdem die künstliche Bewässerung nahezu gestoppt wurde, ergibt sich eine natürliche Ertragsreduktion in Form kleinerer Trauben und Beeren, die zu einer Verdichtung der Weine führt. Die Rebstöcke werden genötigt, ihr Wurzelwerk tiefer und tiefer zu schlagen, um an die wasserführenden Bodenschichten zu gelangen. Auf diese Weise löst die Rebe eine größere Vielzahl unterschiedlicher Nährstoffe und Mineralien aus dem Erdreich, die den Weinen zusätzlichen Charakter schenken. Durch weitere, unterstützende Maßnahmen wie Laubdachmanagement, Grünlesen und Ertragsreduktion (crop thinning) wurde der Wasserbedarf darüber hinaus kontinuerierlich reduziert. Die erstaunliche Bilanz: 70% des früheren Wasserbedarfs wurden eingespart. Wurden vor der Umstellung noch 4.000 Kubikmeter Wasser auf einem Hektar Rebfläche (entspricht ca. 400 Litern Wasser auf 100 KG Trauben) ausgebracht, so sind es heute nur noch 800 Kubikmeter. In den Hanglagen des Apalta-Tals wird Aurelio zur Folge gar komplett auf die Bewässerung verzichtet. Die ersparten Wassermassen entsprechen immerhin dem jährlichen Bedarf von 20.000 Menschen! Aber auch hier ist Fingerspitzengefühl geboten und das primäre Ziel vor Augen zu halten: die Balance und der Stil der Weine soll nicht leiden. So führen zu geringe Erträge eventuell zu überkonzentrierten Weinen - Übertreibung ist nicht förderlich.


Das Wurzelwerk, das die Nährstoffe und Flüssigkeit aus dem Boden zieht, sind übrigens in Chile in der Regel originale Rebunterlagen. Vom Aufpfropfen der edlen Rebsorten auf spezielle reblaus- oder krankheitsresistente Unterlagsreben hält Aurelio Montes nicht viel. So würden seiner Erfahrung nach noch 10 Jahren nach dem Veredeln Zeichen der Verletzung im Rebholz zu erkennen sein, die deren Produktion beeinträchtigen. Die Montes-Weine stammen also aus wurzelechten Rebanlagen - trotz der latent drohenden Gefahr einer Reblausepidemie. Vor dieser hat Aurelio jedoch wenig Angst, da die Reblaus sich in chilenischen Böden nicht wohl fühlt. Aurelio Montes vermutet als Ursache den niedrigen ph-Wert chilenischer Böden, in denen die Reblaus schlecht überleben könne. Dazu kommt die völlige Isoliertheit des Andenstaates auf der Weltkarte der Weinanbaugebiete. Als die Reblaus Mitte des 19. Jahrhunderts als blinder Passagier an Pflanzengut von Amerika nach Europa importiert wurde und ihren Zerstörungszug durch die europäischen Weinberge begann, war die missionsbedingte Rebstockeinfuhr spanischer und französischer Sorten navh Chile bereits abgeschlossen und der Andenstaat blieb verschont. Die Hauptherausforderungen chilenischer Weinbauern sind heute Nematoden (winzig kleine Fadenwürmer im Erdreich, die das feinen Wurzelgeflecht zerstören) sowie verschiedene Virusarten, die die Rebe befallen. 

Bevor das nachmittägliche Tasting in ein Early Dinner mit dem berühmten Produzenten mündet, dürfen wir noch den raren, nur in besten Jahren hergestellten Super-Ikonen-Wein TAITA 2010 probieren. Von der 3.000 Flaschen umfassenden Produktion gelangt nur eine Zuteilung von 150 Flaschen nach Deutschland, die mit ca. 200 EUR Verkaufspreis in den Handel kommt. Die Cuvee aus 85% Cabernet Sauvignon und 15% Winemaker's Secret Choice entstammt aus einer besonderen Parzelle, die Aurelio Montes aus dem Fenster eines Flugzeugs entdeckte. Vor Millionen Jahren kam ein Gletscher in einem hügeligen Abschnitt zum Halt und transportierte bei der Eisschmelze Millionen Tonnen feinstes gemahlenes Gesteins in einen Abschnitt des 12 Hektar großen, küstennahen Marchigue-Weinbergs. Gemeinsam mit feinem Lehmdurchsatz und verwittertem Schiefergestein bilden die abgerundeten Steine ein karges unterirdisches Labyrinth, durch das die nicht künstlich bewässerten Reben tief wurzeln. Im Ergebnis entstehen sehr, sehr kleine und konzentrierte Trauben - nur 20 Hektoliter an Most gewinnt Aurelio aus diesen speziellen Parzellen - und die erbringen nach 24 Monaten in französischen Barriques und 36 Monaten Flaschenlager einen wahrhaft eleganten und komplexen Wein.



Das Urmeer im Steillagen-Wein

Ein spannendes Wochenende mit viel Klartext und Sinnes-Bereicherung: am 5. und 6. August 2017 besuchte ich im Rahmen der Zusatzausbildung VDP Wein- und Kulturbotschafter den bekannten Mosel-Winzer Reinhard Löwenstein in Winningen. Auf den kargen Schieferterrassen oberhalb der Mosel produziert das Weingut Heymann Löwenstein, zu meinem Bedauern  ohne jedwede verwandtschaftliche Verbindung zu mir, extrem spannende Rieslinge, die ihre Herkunftsböden eindeutig kommunizieren.

Nichts liegt näher, als eben die berühmten Steillagen mit den eigenen Sinnen zu erfahren und das Terroir der großartigen Weine zu erkunden. Auf dem Weg zum geschichtsträchtigen Weinberg Winninger Uhlen erzählt Reinhard leidenschaftlich von seiner Philosophie, seinem Terroirgedanken und seiner konsequenten Ablehnung aller den Herkunftscharakter verändernden Eingriffe im Keller. Beachtliche 20 natürliche Mikroben sowie 20 natürliche Hefen wurden in Laboren in seinem Traubenmmost gemessen, und die gilt es im Rahmen einer geduldigen, zurückhaltenden Weinbereitung zu respektieren. Reinzuchthefen, künstliche Enzyme und Laborbakterien haben in Reinhard Löwensteins Keller keine Daseinsberechtigung. Über die rein physikalische Bearbeitung im Keller – nur das unverzichtbare, die Aromen schonende Temperaturmanagement sowie die Filtration werden praktiziert - dürfen die Weine dieses Weinguts ihr reichhaltiges, mikrobiologisches Erbe aus dem Weinberg mit in die Gärung mitnehmen. Em Ende erwartet den Genießer exzellenter Trinkgenuss: ein spannendes Aromenspiel bei harmonisch eingebundener Säure und auffälliger Salzigkeit der Weine und das ohne hohe Alkoholwerte.

Am ersten Tag führt uns die Fahrt zuerst vorbei an flacheren Lagen des Moselgebietes, welche doch immerhin über 70% des Anbaugebietes herrschen. Von den insgesamt 8.500 Gebietshektar zählen nur rund 3.500 ha zu den Steillagen. Einfache Schwemmlandböden, zu flach, zu reichhaltig, zu viel Wasser – für Reinhard aus weinbaulicher Sicht minderwertige Böden, die langweilige Weine produzieren. Sie dürfen nach wie vor als Moselweine vermarktet werden, haben jedoch mit den traditionellen, erstklassigen Weinen aus steilen Schieferlagen keine nennenswerten geschmacklichen Gemeinsamkeiten.

Dann kommen sie in das Gesichtsfeld der Windschutzscheibe: die ersten terrassierten Rebanlagen. Reinhard Löwenstein reist weit zurück in die Vergangenheit, um das vor mir liegende Steilhang-Panorama zu erklären: „Die Entstehung unserer Weinberge begann vor 400 Millionen Jahren. Damals, im Zeitalter des Devon, lag unser heutiges Europa in den Tropen südlich des Äquators. Im Uferbereich des Urozeans sammelten sich die verschiedenen Abtragungen des Old Red Kontinents und vermischten sich mit Anschwemmungen aus dem Meer. Feine Tone und Sande, Muscheln, Korallenbänke. Durch die Kollision der Urkontinente im Perm wurden sie zu Schiefer verdichtet. Und nachdem dieser in weiteren Jahrmillionen der Kontinentaldrift durch gewaltige Kräfte aus dem Erdinnern angehoben und verschoben wurde, ragt der Schiefer heute als steiler Fels aus dem Moseltal auf.“ 

In horizontalen Reihen stehen sie da, angepflanzt auf den durch Vorgenerationen angelegten Steinterrassen, den steilen Flusshängen mühsam abgerungen. Es war die Überbevölkerung, so Reinhard, die vor über 1000 Jahren seine Vorfahren dazu zwang, den Weinbau grundsätzlich aus den flacheren, auch für Ackerfrüchte und Siedlungen geeigneten Lagen, in die kargen, steilen Hänge der Mosel zu verlegen. Und damals waren sie nicht die ersten, denn in seinen Gedichten spricht Ausonius bereits im vierten Jahrhundert von den sogenannten Amphittheatern der Mosel. Um in diesen Bereichen mit bis zu 61 Grad Gefälle überhaupt arbeiten zu können, wurde in kräftezehrender Handarbeit Stein um Stein aus dem Berg gebrochen, kleinste Terrassen angelegt, teilweise keinen Meter breit, um dem Tal auch den letzten Quadratmeter Nutzfläche abtrotzen zu können. Mauer für Mauer aus Schiefergestein wurde zur Terrassenbildung gesetzt und kleineres Schiefergestein als zusätzlicher Erosionsschutz und zum Systemerhalt auf die Bodenschicht aufgebracht. Terrasse für Terrasse entstand eine großartige Kulturlandschaft - ein grandioses Mosaik. Die dünnen, vorhandenen Humusschichten wurden bei der Terrassenbildung von Reinhards Urahnen mit allerlei auffindbarem organischen Material wie Buschwerk aus der Erschließung der Hänge aufgefüllt. Die dadurch erhaltene Mikroben-Vielfalt ist es, die gemeinsam mit den verschiedenen Schieferarten in der Gesteinsunterlage unverwechselbare Charakter-Weine hervorbringt: ein geschmacklich lebendig gewordenes Urmeer.

Das Auto des charismatischen Winzers hält an und keine fünf Minuten später beginne ich, die Steillage zu erobern. Die stählernen Gerüste der einspurigen Materiallifte erklimmen fast gradlinig das steile Terrain – eine dünne, silberfarbene Schlange, die sich den Steilhang empor arbeitet. Eine steile und enge, mit Stufen aus gestapeltem Schiefer gestaltete Treppe entlang der ersten Mauer lässt mich in den Weinberg einsteigen. Höher und immer höher trägt mich die Neugierde auf immer steilere Perspektiven. Die vorherigen Warnungen Reinhards, dass schmerzhafte Stürze des geübten Weinbergpersonals durchaus vorkommen und der Weg hinunter ungleich gefährlicher und schwieriger als der Aufstieg zu bewältigen ist, werden von der Neugierde in den Wind geschlagen. Steiltreppchen um Steiltreppchen geht klettere ich immer höher hinauf und mit jedem Höhenmeter schwindet die Vorstellungskraft, dass in diesem abschüssigen Terrain tatsächlich Menschen harte, körperliche Arbeiten verrichten müssen.


Um die 10.000, teils gar 13.000 Reben pro Hektar pflanzt Reinhard an – mutet seinen Pflanzen die maximale Konkurrenz um Nährstoffe und Wasser zu. Dichte Bepflanzung und Terroirgedanke gehen hier Hand in Hand, denn die Rebe wird so gezwungen, ihr Wurzelwerk tief in die geschmacksbeeinflussenden, mineralischen Gesteinsschichten zu schlagen

Traditionell auf Einzelpfählen erzogen, stellen Winzer wie Reinhard mehr und mehr auf die Drahtrahmenerziehung um. Horizontal, und nicht der Falllinie folgend, praktiziert er die Anpflanzung im Drahtrahmen, denn so erklärt Reinhard, könne mit der Ausbildung von horizontalen Trampel-Pfädchen auf angenehmere und ungefährlichere Art geschnitten, gepflegt und gelesen werden. Letzteres muss tendenziell immer schneller vonstatten gehen. Mit den Klimaveränderungen treten im Spätherbst gegen Ende Oktober nun vermehrt ausgeprägte Regenphasen auf, wodurch das Lesezeitfenster mit Blick auf die unbedingt erforderliche Gesundheit der Trauben immer schmaler wird. Auch die Feuchtigkeit in den Vormonaten sei ein Faktor. So regnet es im Anbaugebiet mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% während der Vegetationsmonaten von März bis September täglich, so dass die Moselwinde ein willkommener Feuchtigkeitsvertreiber in den Rebreihen sind. Laubwandpflege in Form von Entblätterung ist ein wichtiger Arbeitsschritt im Weinberg geworden, um die Gefahr des gefürchteten Pilzbefalls zu senken, doch sei dabei Vorsicht geboten. Unbedingt zu vermeiden ist, dass die Trauben der direkten Sonnenstrahlung ausgesetzt werden und ihr schattenspendendes Blätterdach verlieren. Dann produziert die Traube nämlich als Abwehr vor der ultravioletten Strahlung die sogenannten Carotinoide, welche sich dann im fertigen, jungen Wein zu schnell mit Petrolnoten bemerkbar machen.

Ein Team von 30-35 Erntehelfern, bestehend zur einen Hälfte aus polnischen und rumänischen Mitarbeitern, zur anderen Hälfte aus den sogenannten Traveling Winemakers aus nah and fern, erklimmt im Oktober jeden Tag im Eiltempo die steilen Hänge. Steillagenwein ist ein extrem arbeitsintensives Produkt unserer Zeit. Lassen sich im flachen Land angebaute Trauben, mit dem Vollernter eingeholt, für wenige Cent pro Liter Traubenmost ernten, so muss Reinhard hierfür ein Vielfaches einplanen. Fünf, sechs oder gar bis zu acht Euro pro Liter Most sind seine Realität bei den Gestehungskosten - und die gilt es beim Verkaufspreis der Weine mit einzukalkulieren und konsumentenseitig wertzuschätzen. 


Einzigartiges Elim - windumtost, kühl-maritim und das Nesthäkchen unter den südafrikanischen Weinanbaugebieten

In der Südspitze Südafrikas, keine 30 Minuten Fahrt über vom Regen ausgewaschene Schotterpisten vom südlichsten Punkt des Kontinents entfernt, wird seit dem Ende der 90-iger Jahre überaus erfolgreich ein kühler Kontrapunkt zu den warmen, sonnenverwöhnten Anbaugebieten nord-westlich Kapstadts gesetzt. Hier, am Cape Agulhas treffen sich atlantischer und indischer Ozean und atmen ganzjährig und von drei Seiten starke Kaltluft-Winde auf die exponierte Halbinsel.

Sauvignon Blanc, Shiraz, Pinot Noir und Semillon bringen hier elegante Weine mit dezenten und gleichzeitig tiefgründigen Aromen hervor. Ergebnis sehr kleiner Trauben, die nur langsam reifen und auf kargen, salzhaltigen Böden wachsen. Hier findet man häufig die sogenannten Coffee Stones, größere Klumpen von Steinen, die von eisenhaltigem Lehm zusammen gehalten werden.

Zu den Pionieren der ersten Stunde zählt der Betrieb Strandveld Wines, dessen bestens informierte Vertriebsdirektorin Jackie Rabe mir bei einer Fahrt in die Rebanpflanzungen eindrucksvoll bewies, das Windstärke- und -temperatur auch an einem eigentlich sonnenverwöhnten Hochsommertag unter Garantie für Frösteln, Gänsehaut und windzerzauste Haare sorgen. 

So sehr beeinflusst der ununterbrochene Wind den Weinbau, das ganze Rebanlagen kostspielig wieder herausgerissen und umgepflanzt werden müssen (Anpassung der Reihenausrichtung für mehr Windschutz) und der vor Jahren versuchweise angebaut Chardonnay-Klon auf einen extrem unprofitablen Hektarertrag von unter 10 Hektolitern "heruntergeweht" wird (selbst die teuersten Weinberge der Welt im Burgund erbringen mindestens den doppelten Ertrag, der durchschnittliche Hekarertrag in Deutschland liegt 2016 bei ca. 90 Hektolitern). Weinanbau in Elim ist etwas für hartgesottene Farmer mit guten Nerven - Lifestyle- und Hobbywinzer sind in gemütlicheren Anbaugebieten besser aufgehoben.

Besonders hervorzuheben sind bei Strandveld Wines der Einzellagen Sauvignon Blanc Pofadderbos (Puff Adder Bush), der mit Noten von Feuerstein und frischer Stachelbeere äußerst knackige Frische bietet, sowie der im weißen Bordeaux-Stil gefertigte Adamastor, bei dem Barrique-gereifter, reichhaltiger Semillon und säurebetonter, aromatischer Sauvignon Blanc eine elegante, würzige Ehe eingehen.





Wein in extrem schroffer Kulisse  - die Cederberg Winery und ihre außergewöhnliche Lage in den Cederbergen

Über 90 Minuten Schotterpiste trennen die Cederberg Winery von der nächsten betonierten Straße. Geröll, bizarre Felsformationen und steiniges Gebirge so weit das Auge reicht. Das hier Wein wächst, kann ich erst glauben, als die ersten grünen Rebreihen durch die Frontscheibe sichtbar werden. Eingebettet in eine dramatische Landschaft, das Wander-Mekka Cederberg Conservation Area, liegen Südafrikas höchst gelegene Weinberge und Weinkellerei auf über 1000 Metern Höhe. Fernab von der Zivilisation und ihren Emissionen ist die Luft kristallklar und unverbraucht. Die Höhenlage mit ihren kühleren Temperaturen und den extremen Tag-Nacht-Temperaturdifferenzen von mindestens 20 Grad Celsius schenkt den Trauben selbst in heißen und trockenen Jahren eine lange, nachhaltige Reifezeit unter gleichzeitiger Säurebewahrung, die sich im Weinglas durch konzentrierte aber höchst elegante, pure und frische Fruchtintensität zeigt. Mehrere Wochen später als im bekannteren Stellenbosch wird hier der Rotwein gelesen - eine deutlich längere Hangzeit, die sich in der Aromavielfalt- und Tiefe deutlich bemerkbar macht. Der jährliche Niederschlag liegt knapp unter dem deutschen Niveau, jedoch fällt der komplette Regen im Winter (teils als Schnee), sodass im Sommer Bewässerung erforderlich ist. 28 Hektoliter sind unter diesen Bedingungen durchschnittlich aus einem Hektar Rebfläche im Form kleiner Trauben mit kleinen Beeren erwirtschaftbar - ein Bruchteil dessen, was so mancher Winzer aus den furchtbaren Ebenen Europas ernten kann.

Seit über 100 Jahren bewirtschaftet die Farmer-Familie Nieuwoudt das steinige Terrain, anfangs in Form von Obst- und Tabakplantagen über die ersten großväterlichen Rebpflanzungen in 1973 bis hin zum heute mitunter berühmtesten und besprochensten Weingut Südafrikas. Ein Alleinstellungsmerkmal, denn in diese Landschaft hat sich kein weiteres Weingut gewagt.

Die Traubenernte der Weißweine läuft gerade auf Hochtouren - es gibt passendere Zeiten, ein Weingut zu besuchen. Dennoch ist es ausgerechnet der dynamische Eigentümer David Nieuwoudt, der mir am Valentinstag fast drei Stunden lang einen beindruckenden Auszug aus seinem herausfordernden Lebenswerk zeigt.

Reduktiv ist das Wort, welches besonderen Raum im Gespräch und bei der Weinproduktion einnimmt: damit die Trauben ihre empfindlichen Primäraromen beim Entrappen und Pressen nicht verlieren, werden sie so schonend kühl wie möglich verarbeitet. Der ewig weite und unbequeme Transportweg schreckt David Nieuwoudt nicht davon ab, zur Erntezeit täglich lastwagenweise Trockeneis aus Kapstadt anfahren zu lassen, mit welchem er die auf  8 Grad vorgekühlten Trauben auch im Entrapper auf niedriger Temperatur hält. Seit fast 9 Jahren ist die Familie auch Landeigentümerin im zuvor vorgestellten, kühlen Anbaugebiet Elim am Kap von Agulhas. Auch von dort macht sich zur Erntezeit nach der frühnächtlichen Lese täglich ein Lastwagen zu beschwerlichen, 9-stündigen Fahrt in die Cederberge auf, um mittags das gekühlte Traubengut für die Produktion der sogenannten Ghost Corner Range-Weine anzuliefern.

Der Fokus liegt in den Cederbergen auf der Produktion erstklassiger Sauvignon Blanc, Chenin Blanc, Cabernet Sauvignon und Shiraz, während in Elim vor allem die dort bewährten Rebsorten Sauvignon Blanc, Semillon und Pinot Noir angebaut werden. Erstklassig herausgearbeitet in der Sauvignon Blanc-Vergleichsprobe die unterschiedliche Herkunft der Trauben. Identische Klone, identische Hefestränge und identische Weinbereitungstechniken, aber zwei völlig unterschiedliche unterschiedliche Terrors und Klimata; der Höhenlagen Cederberg Sauvignon Blanc mit tropenfruchtigen Noten (Ananas, reife Stachelbeere) und stahligen, steinigen Tönen bei knackiger Säurefrische und der maritime Ghost Corner Sauvignon Blanc mit deutlich grünen Tönen von Gras und grünem Spargel. 

Hervorzuheben aus der Ghostcorner Range sind ebenso der im Stil weißer Bordeaux gehaltene Bowline (60% Sauvignon Blanc, 40% Barrique-fermentierter Semillon / Hefelager) mit großartigem Mundgefühl, delikater Kräuterwürze und Cremigkeit) sowie der außergewöhnlich mundfüllende 4 Monate im Barrique ausgebaute CWG Auction Reserve Semillon, der aus vier Lesedurchgängen in drei verschiedenen Weinbergsanlagen stammt. 

Bei den Chenin Blanc ist es erneut der besondere Stil der Cederberg Winery, der sich im Wein durchsetzt: keine Buschreben, kontrollierte Bewässerung, reduktive Mostbehandlung, Zusatz aromatischer Reinzuchthefen,  kalte Gärtemperaturen, Hefelager und der Verzicht auf Barriqueausbau ergeben einen fruchtbetonten, frischen jedoch tiefgründigen Chenin Blanc-Stil, der Noten tropischer Früchte gepaart mit Zitrusfrucht und Orangenschalen aufweist. Als Kontrast hierzu wird im Weingut noch der Top-Chenin Blanc aus der Five Generations Range produziert, ein 11 Monate im Holz und weitere 12 Monate in der Flasche gelagerter Premiumwein, bei dessen Gärung zu 40% natürliche Hefen und 60% Reinzuchthefen zum Einsatz kamen. Das Traubenmaterial lieferten überreife Früchte, deren Aroma von Orangenschale sich im fertigen Wein sehr deutlich wiederfand.

Der absolute Höhepunkt aus der Welt der Cederberg Weine für mich ist jedoch der Cabernet Sauvignon. Mitte April und damit über 3 Wochen später gelesen als die letzten Trauben in den tiefer gelegenen restlichen Anbaugebieten Südafrikas habe ich nie zuvor einen Wein in einer derart undurchdringlichen Farbgebung gesehen. Selbst im Gegenlicht der Nachmittagssonne präsentierte sich der Wein nachtschwarz. Mit einer beeindruckenden und reinen Intensität reifer, schwarzer Johannisbeere, Schokolade und Minzetönen wartete der Wein mit festen, jedoch reifen Tanninen und tollem Mundgefühl auf. Ein großartiger Wein, der sich hinter seinem großen Bruder aus der Five Generations Range im Spaßfaktor nicht verstecken muss. 





Impressionen von der ProWein-Messe in Düsseldorf

Das weltweit wichtigste GetTogether von Winzern, Presse, Kritikern, Gastronomen, Weinhändlern und Dozenten: Die ProWein hat auch in diesem Jahr eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie die weltweit bedeutendste Business-Plattform für die internationale Wein- und Spirituosenbranche ist. Über 6.500 Aussteller aus mehr als 60 Nationen präsentierten sich vom 19. bis 21. März auf der ProWein in Düsseldorf.  Im Fokus standen die neuen Weine aus allen relevanten Anbauregionen dieser Welt, ergänzt durch 300 Spirituosenspezialitäten. Auch die Besucherzahlen setzten in diesem Jahr neue Maßstäbe. Insgesamt reisten 58.500 Fachbesucher aus 130 Ländern zur ProWein. Jeder zweite Besucher kam aus dem Ausland nach Düsseldorf. 


Impressionen von der VinItaly in Verona

Die 50+1-Edition der VinItaly endete am 12. März 2017 mit 128.000 Besuchern aus 142 Ländern. Verona Fiere war 4 Tage lang die Bühne von 4.270 Ausstellern aus 30 Ländern.